Vom 6. bis zum 16. August 2025 lockt der italienischsprechende Teil der Schweiz wie jedes Jahr im Hochsommer Besucher aus aller Welt zu sich. Das Locarno Film Festival geht in seine 78. Edition. In dieser Zeit strahlt die Stadt in einem gelb-schwarzem Glanz, ganz dem Wappentier der Stadt und des Festivals nachkommend, das einen Leopard symbolisiert. In nahezu jedem Schaufenster sieht man das Muster des Leopardenfells schimmern. Die Stadt ist im Filmfieber. In den kommenden 11 Tagen werden in 9 Aufführungsstätten und 12 Leinwänden über 200 Filme, darunter 101 Weltpremieren, und ihre Filmschaffenden zelebriert.

Das Wappentier wird 300 Mal über die Leinwände stolzieren und Filme einführen, was vor allem auf der Piazza Grande imponiert. Circa 8000 Besucherinnen und Besucher schauen hier täglich zu Abend unter freiem Himmel neusten Stimmen aus der Filmlandschaft beim bildlichen Sprechen zu. Eine ganze Stadt schaut einen Film – und während sich der Himmel langsam für die Vorstellung verdunkelt, tanzen Videoinstallationen des Festivals an den Häuserwänden entlang. Bei Wind und Wetter wird hier gespielt, denn abgebrochen wird eine Vorstellung nur im Extremfall. Hier kann man mit Filmenthusiasten auch bei Starkregen Filmkost vernaschen, teils in Doppelvorstellungen bis 3 Uhr nachts.

Ich bin das vierte Mal in Folge Besucher dieses traditionsreichen Festivals. Schon innerhalb dieser vier Jahre habe ich Höhen und Tiefen des Festivals miterlebt. War die 76. Festivaledition vor zwei Jahren ein Highlight durch die schiere Diversität an Genres und Produktionsländern, geschah zeitgleich der Drehbuch- und Schauspielstreik in Hollywood. Das führte zur Abwesenheit größerer Stars und überließ den europäischen und außereuropäischen Filmschaffenden die Bühne. Anscheinend war diese Vielfalt aber zu viel des Guten und man besann sich auf weniger Genrevarianz. Vor allem europäisch anmutende Dramen regierten letztes Jahr nahezu jede Leinwand.

©Wolfgang Tillmans

Das Festivalprogramm

Umso besser, dass es dieses Jahr anders anmutet. Aus den letzten vier Jahren könnte diese Festivaledition die beste werden, die ich hautnah mitbekomme. Auf der Piazza Grande gibt es reichlich Genrevielfalt mit dem Western Testa o croce? oder dem Musical The Kiss of the Spider Woman vom Twilight-Regisseur Bill Condon. Eröffnet wird das Filmfestival wie üblich unter anderem mit einem Stummfilm, dieses Jahr The Winning of Barbara Worth, mit Live-Orchesterbegleitung, während es im Anschluss auf der Piazza mit Le Pays d’Arto ein französisch-armenisches Filmwerk zu sehen gibt.

Darüber hinaus zeigt die Sektion Concorso Internazionale das neuste Werk von Radu Jude, Dracula, mit Sage und Schreibe 170 Minuten Laufzeit. Und der Fuori Concorso konfrontiert Zuschauer mit vermeintlich wilden, radikalen bewegten Bildern. Das absurde Deathstalker-Remake wird hier auf die Besucher losgelassen.

Doch bei all den Wettbewerben um aktuelle Filme ist zusätzlich die Retrospektive ein nicht zu unterschätzendes Highlight. Bestens kuratiert werden hier entweder analoge Filmrollen aus sämtlichen Archiven entstaubt und projiziert oder wunderbar restaurierte Filme digital präsentiert. Unter dem diesjährigen Motto “Great Expectations” werden hier 45 Filme der britischen Nachkriegszeit überwiegend zwischen 1945 bis 1960 präsentiert, darunter der Film noir Night and the City.

Außerdem wird Actionlegende Jackie Chan am 09. August einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk entgegennehmen und dem Publikum einen Tag darauf für ein Gespräch zur Verfügung stehen. Darüber hinaus werden Lucy Liu, Golshifteh Farahani, Emma Thompson und viele US-amerikanische und europäische Stars ebenfalls erwartet.

Der Leinwandleopard im Festivalkosmos

Das Programm muss inhaltlich stark sein, denn das Festival hat als eines der besucherstärksten der Welt einen eigenartigen Aufführungszeitraum: Die Berlinale und das Sundance Filmfestival beginnen im Frühjahr die ersten Filme der Saison zu zeigen. Darauf folgen im Mai die Internationalen Filmfestspiele von Cannes, die vor allem mit Hollywoodfilmen ihren Standpunkt im Festivalkosmos festigen. Die Internationalen Filmfestspiele von Venedig spielen dann zu Septemberbeginn die vielversprechenden Oscaranwärter für das kommende Jahr auf ihren Leinwänden.

Dem Locarno Film Festival kommt daher ein eigenartiger Zeitslot zugeschrieben, der in den besten Editionen zum Vorteil ausgespielt wird: Während Cannes, Venedig und co. prestigeträchtige Hollywoodfilme präsentieren und daher recht kalkulierbar scheinen, finden in Locarno Filme ihren Platz, die für wahre Überraschungen sorgen können. Über die Hälfte der Filme war man sich ihrer Existenz kaum bewusst. Oder man weiß insgesamt nicht viel darüber, was einen genau zu erwarten hat.

Statt überwiegend mit Prunk auf der Bühne zu glänzen, müssen hier Filminhalte für sich sprechen und das Publikum begeistern. Schließlich ist Locarno mit seiner Freiluftkinoattraktion auf der Piazza Grande der Inbegriff des Publikumsfestivals. Mit dieser Unsicherheit bei vielen Filmsichtungen kann das Filmfestival punkten oder einbüßen, je nach Zusammenstellung des Programms.