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Tokio 1988. In einem Geheimlabor der Armee wird mit Kindern, die über PSI-Fähigkeiten verfügen, experimentiert. Doch die Tests geraten außer Kontrolle, die nur noch mit dem Abwurf einer Atombombe gestoppt werden können. 31 Jahre später. Eine Motorradgang, angeführt von Kaneda, durchstreift Neo-Tokio auf der Suche nach Action. Ungewollt gerät sie an ein Geheimnis, das die gesamte Menschheit bedroht.
© TMDB
Regie: Katsuhiro Omoto
Drehbuch: Izo Hashimoto, Katsuhiro Otomo
Schnitt: Takeshi Seyama
Kamera: Katsuji Misawa
Schauspieler*innen: Mitsuo Iwata, Nozomu Sasaki, Mami Koyama
Produktionsjahr: 1988
Land: Japan
Sprache: Japanisch
Länge: 2h4min
Genre: Science-Fiction, Thriller, Action, Animation

Aus der Vogelperspektive wirkt sogar der Straßenverkehr auf der Autobahn Tokios friedlich. Komplette Stille legt sich über Japans Hauptstadt, bevor sich ein Atompilz ähnlich still ausbreitet und alles von ihr verschlingt. Die Schäden des Dritten Weltkrieges sind dermaßen hoch, dass 30 Jahre später Neo-Tokio dessen Platz einnimmt. Voll von Korruption und gewaltsamen Protesten auf offener Straße, ist das Leben in der Metropole gefährlich und adrenalingeladen. Für Shōtarō Kaneda (Mitsuo Iwata) ist dieser turbulente Alltagsstress weniger bedenklich, denn mit seiner Motorradgang und den hiesigen Rivalitäten trägt er seinen Teil zum Status quo bei. Mitglied des Fiaskos ist auch Tetsuo Shima (Nozomu Sasaki), Kanedas bester Freund seit Kindheitstagen. Nachdem dieser einen schweren Unfall erleidet, verfrachten mysteriöse Männer ihn in ein Fahrzeug und führen diverse Tests an ihm durch. Diese dienen jedoch nicht seiner Genesung.

Unbändiges Zerstörungspotenzial

Nicht einmal der verletzte Teenager weiß vorerst, dass er nach seinem Unfall als Versuchskaninchen für wissenschaftliche Forschungen missbraucht wird. Markante Nachwirkungen lassen nicht lange auf sich warten. Visionen von splittrigem Zement und riesenhaften Plüschtieren plagen Tetsuo plötzlich. Er geht vor seinen Freunden auf die Knie und sieht die eigenen Gedärme aus seinem Torso fallen. Panisch versucht er diese wieder an Ort und Stelle einzusetzen, seine Mitmenschen sehen aber nur, wie er Luft vom Bürgersteig sammelt und vor sich hin brabbelt. Er schreitet mit Höchstgeschwindigkeit auf den Abgrund des Wahnsinns zu. Wenige Stunden später torkelt er aus einem klinischen Aufenthaltsraum, wird von mehreren Männern abgefangen und tötet diese mit einem Armwink. Nicht absichtlich und nicht über Körperkontakt, sondern mit der Kraft seiner Gedanken. Das Resultat der Experimente sind telekinetische Kräfte, mit denen er alles und jeden mühelos vernichten kann. Plötzlich hält ein verwirrtes und wütendes Kind das Leben aller Bewohner Neo-Tokios in seinen zittrigen Händen und ist kurz davor, einfach zuzudrücken. 

In diesem Anime gibt es sehr viel in sehr kurzer Zeit zu verarbeiten. Die Rasanz des Konfliktes wirkt überrumpelnd und das Szenario baut sich ebenso schnell zusammen, wie es durch das destruktive Treiben der Figuren wieder auseinander fällt. Im hohen Tempo rast Akira auf erzählerische Leitplanken zu und bremst nicht vor der Kollision. Es bleibt zu einem gewissen Teil der Handlung kaum Zeit dafür, die Charaktere zu studieren und ihren impulsiven Gemütern Verständnis entgegenzubringen. Deshalb ist es lohnenswert, umso mehr Gebäude in sich zusammengebrochen sind und unschuldige Menschen den Tod gefunden haben, sich an die kleinen Momente vor der Eskalation zu erinnern. Im Kern der Tragödie einer kompletten Population steht ein simples Missverständnis unter Freunden, die gezwungenermaßen zu Feinden werden.

Undankbare Abrechnung

Kaneda und Tetsuo gehen trotz ihrer Sympathie selten glimpflich miteinander um, doch scheint die abfällige Dominanz seines Freundes Tetsuo mit wachsendem Alter mehr und mehr zu provozieren. Was von dem einen als harmlose Reiberei verstanden wird, bedeutet für den anderen nämlich kategorische Unterdrückung. Dabei will Kaneda seinen Freund lediglich beschützen, verkauft dies aber nicht immer sensibel. Als junger Mann, der in einer kriminellen und lauten Umgebung groß geworden und von zynischer Ironie durchwachsen ist, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Mit den gewohnten Sticheleien kommt der Protagonist aber nicht mehr weiter, als sein Kumpel gewalttätige Tendenzen entwickelt und diese durch einen Gedanken entfesseln kann. 

Das Band der Brüder im Geiste wird auf die Probe gestellt und das ohnehin schon fragile Konstrukt der Stadt wird Lasten ausgesetzt, welche es eventuell nicht tragen kann. In einer Szene, in der Kaneda den machttrunkenen Tetsuo konfrontiert, berichtet letzterer, wie er seine gewonnenen Kräfte genießt. Endlich sei er nicht mehr auf die Unterstützung des Hauptcharakters angewiesen und könne stattdessen ihm helfen, selbst wenn er ihm schon seit der Kindheit ein Dorn im Auge gewesen ist. Behandelt zu werden, wie ein Kleinkind, hat ihn realisieren lassen, dass er sich zur Selbständigkeit berufen muss. Mittels mentaler Macht strebt er eine autonome Existenz an, akzeptiert dabei auch jeden Kollateralschaden. Jahrelange Frustration darüber, von anderen abhängig zu sein, hat aus Tetsuo im falschen Moment ein Monster gemacht. Unsicherheit und Überforderung toben auf dem Dachboden, alles andere wie die Annahme einer reichhaltigen Freundschaft stürzt durch den Keller prompt in die Kanalisation.

Audiovisualität, die fesselt

Dass die Geschichte erst nach dem Untergang der Umstände zum Publikum spricht, ist insbesondere dadurch zu verschmerzen, dass Optik und Akustik das Genre des Cyberpunk zur Perfektion abbilden. Mechanische Klänge einer von Abgasen und Neofuturismus verseuchten Stadt klirren wie eine Besteckschublade. Motorradbanden jagen einander auf hohen Drehzahlen durch die befahrenen Straßen und prügeln sich mit Schlagstöcken und Hämmern die Helme brüchig. Echos bellender Hunde wummern zwischen den Abblendlichtern der Autos umher, sodass sogar das Hupen des Staus übertönt wird. Aufgebrachte Protestanten krakeelen vor Polizeibarrikaden, bevor eine Rauchgranate den Konflikt beendet und sich mit dem Kohlenstoffdioxid zu einer toxischen Wolke vermischt.

In diesen Bildern der industriellen Infrastruktur ist es nicht die Storyline, die fesselt. Es ist die detaillierte und atmosphärische Audiovisualität. Aus narrativer Sicht ist Akira ein emotionaler Spätzünder, doch ist das World-Building dermaßen erschlagend und eindrucksvoll, dass man voll und ganz in das Geschehen eintauchen kann. Es ist faszinierend, dem chronischen Zerfall der präsentierten Welt beizuwohnen. Durch die undurchsichtige Antagonistenrolle bleibt die Vehemenz besagten Zerfalls unberechenbar und die dystopische Stimmung erreicht ihren Höhepunkt mehr als nur einmal. Neben der konsequenten Brutalität kann einem bereits die Vorstellung davon den Atem rauben, dass der Gedanke eines einzelnen Menschen der letzte aller sein könnte.

AKIRA IST AKTUELL (STAND: 27. SEPTEMBER 2025) AUF NETFLIX VERFÜGBAR

8.0
Punkte