SynopsisCrewDetails
Die Geschichte von Prinz Vladimir aus dem 15. Jahrhundert, der nach dem Tod seiner geliebten Frau Gott verflucht und in einen Vampir verwandelt wird. Später, im Paris des 19. Jahrhunderts, entdeckt er die Doppelgängerin seiner Frau und verdammt sich selbst, indem er ihr nachstellt.
© TMDB
Regie: Luc Besson
Drehbuch: Luc Besson
Schnitt: Lucas Fabiani
Kamera: Colin Wandersman
Schauspieler*innen: Caleb Landry Jones, Zoë Bleu Sidel, Christoph Waltz
Produktionsjahr: 2025
Land: Frankreich
Sprache: Englisch
Länge: 2h9min
Genre: Romance, Horror, Fantasy

Der Herr gibt und der Herr nimmt. Ausgerechnet zum Ende von Prinz Vladimirs (Caleb Landry Jones) Kreuzzügen, nimmt der Herr aber direkt vor seinen Augen das Leben seiner geliebten Elisabeta (Zoë Bleu Sidel). Wie viele Völker hatte er auf dessen Geheiß erobert, wie viele Dörfer niedergebrannt und wie viele Menschen ermordet? Als der Bischof auf Vlads Betteln und Flehen, sie ins Leben zurückzurufen, lediglich erwidert, dass die Wege des Herrn unergründlich seien, durchbohrt er jenen kurzerhand mit dessen eigenen Krummstab. Ein simpler Gefallen wäre ihm Belohnung genug gewesen, gerade in Anbetracht dessen, dass die Macht des Herren angeblich grenzenlos ist. Dennoch betrügt er ihn um das Eine, wovon er sich wünschte es nie verlieren zu müssen. Mit dem Bischof stirbt auch der Glaube des Prinzen und nach der blasphemischen Gräueltat wird er dazu verdammt, weiterhin auf Erden zu wandern – als eine unsterbliche Kreatur mit unstillbarem Hunger.

Kitschiges Leid

Inzwischen bedingt es wahrscheinlich eines Taschenrechners, um die Frage zu beantworten, wie häufig der Roman um den ersten aller Vampire auf die Leinwand getragen worden ist. Unzählige Adaptionen tummeln sich übereinander und aktuell hat es sich Luc Bessons Dracula – Die Auferstehung an der Spitze bequem gemacht. Während früh viele Vergleiche zu Ungunsten dieser Version zu Bram Stoker’s Dracula aus dem Jahre 1992 gezogen worden sind und sich viele Stimmen gegen die Existenzberechtigung dieser Verfilmung wandten, befindet sich diese mit ihrem erweiterten Kinostart auf einem Weg der Erholung. Dies geschieht aber vollkommen zurecht, denn auch wenn sie sich auf eine Inszenierung stützt, die den Kitsch der Romantik beinahe schon zelebriert, ist diese Geschichte um Graf Dracula unter ihresgleichen sowie allgemein sehr sehenswert.

Wenn der Hauptcharakter und seine Gattin eine Kissenschlacht zwischen fliegenden Federn austragen, liebkosende und wollüstige Akte in Seidenbettwäsche vollziehen und einander mit teuren Leckereien füttern, ist die Hyperbolik der Gefühlsseligkeit auf einem Höhepunkt. Da ihre Liebe jedoch nicht die des Publikums ist und schwer binnen weniger Minuten nachempfunden werden kann, bedarf es etwas Zeit, um sich an die ausgiebige Definition von Liebe zu gewöhnen, mit der das Werk von vornherein arbeitet. Ein leidenschaftlicher Zungenkuss folgt auf den nächsten und die Turteltauben können ihre Hände nicht vom jeweils anderen lassen, bevor sie in geschwollenen Dialogen aufdringlich betonen, wie sehr sie sich lieben. All dies ändert sich aber im schicksalhaften Moment, wo das Glück wie ein Luftballon zerplatzt. Ein Blick in das schmerzverzerrte Gesicht von Caleb Landry Jones genügt und die befremdliche Stimmung kippt.

Tatsächlich hebt sich diese Interpretation der Titelfigur dahingehend von bisherigen Versionen ab, dass der Zuschauerschaft keine blutrünstige Bestie präsentiert und besagte Titelfigur wesentlich humaner charakterisiert wird, als es beispielsweise in Francis Ford Coppolas Film gegeben ist. Für Vladimir steht und fällt alles mit der Liebe, für die er sein Leben geben würde, um sie wiederzubekommen. Emotional abhängig von der Herzenspartnerin und – wie er sie nach ihrem Ableben bezeichnet – „reinsten Seele von allen“, verkümmert der Prinz in seinem Innersten und bewegt sich fernab von dem, was er einst für erstrebenswert gehalten hat.

Wo vor Jahrhunderten ein Lebenswille gewesen ist, ist jetzt der Wunsch nach dem Ende. Aberhunderte Sprünge wagt er aus seinen Schlossfenstern, als er einem neugierigen Mann in einem Rückblick von seinem Werdegang berichtet. Körperlicher Schmerz ist alles, was diese Sprünge bewirken können, doch der Tod, den er sich zutiefst herbeisehnt, ignoriert seine Mühen. Dieser ist nach seiner Formulierung ein Privileg, das Gott den Menschen gewährt, ihm aber versagt. Wie sich das Drehbuch dem Leid des Protagonisten mit vollster Hingabe nähert, führt zu einer einnehmenden Reise durch eine Erzählung, die sich trotz ihrer bekannten Versatzstücke und zähen Stationen neu anfühlt.

Lockere Sprüche suchen einen Mythos

Konterkariert wird diese Tragödie durch die heitere Attitüde des Priesters (Christoph Waltz), welcher sich über die paranormalen Ereignisse auf der Welt augenscheinlich wenig Sorgen macht. Ein Doktor und dessen Arzthelfer sehen entgeistert dabei zu, wie er eine Frau auf Symptome von Vampirismus untersucht. Professionell und gelassen belehrt er die beiden, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und exakt zu studieren, ob es sich um einen Vampir handelt oder nicht. Dass die Männer nicht mal im Traum daran gedacht hätten, dass dies überhaupt eine valide Option ist, schert den Priester in seinem weiteren Vorgehen wenig. Währenddessen versteckt die Frau ihre Merkmale nicht, trinkt freudig Blut und verleiht ihrer Begierde offensichtlichen Ausdruck.

Erfrischend ist die humoristische Unbekümmertheit, mit der Christoph Waltz den erfahrenen Exorzisten mimt. Sämtliche Stationen zur Erkenntnis werden übersprungen, schließlich sind heutzutage jedem die Merkmale eines Vampirs sowie gewisse Einzelheiten der Geschichte bekannt. Luc Besson entschließt sich dazu, das Procedere abzukürzen, anstatt es abermals durchzukauen. Das Drehbuch zieht dem Vampir-Mythos einen spitzen Eckzahn nach dem anderen, antwortet der Priester auf die Idee einer Bluttransfusion für eine infizierte Person doch ganz stumpf, dass ihr dies wohl sogar richtig gefallen würde. Nichtsdestoweniger geht der Ernst der Story nicht verloren, insbesondere die Konfrontation zwischen dem Priester und Dracula birgt einen wahrhaften Tiefschlag, welcher vom Finale nochmal übertrumpft wird.

Dracula – Die Auferstehung neigt durchaus zur Melodramatik, hat kleinere Längen und drückt einem die Romantik förmlich auf die Lippen, doch wirkt die Abhandlung des Quellenmaterials durch eine Variante von Dracula, der vor Schmerz und Sehnsucht zu dem Monster geworden ist, welches die Epochen heimsucht, äußerst immersiv. Teilweise surrealistisch bebildert und mit epischer Musik ausgestattet, ist vornehmlich die Performance von Caleb Landry Jones phänomenal und lässt alte Wunden in jeder einzelnen Szene neu bluten. Trotzdem ist sich der Film für Selbstironie nicht zu schade und etabliert diese Adaption als einen ebenso vielschichtigen wie auch divergenten Vertreter der Novelle. Geschichten müssen nicht in einem Sarg verstauben, weil ihre Bücher schon oft verfilmt worden sind.

DRACULA – DIE AUFERSTEHUNG LÄUFT SEIT DEM 30. OKTOBER 2025 IN DEN DEUTSCHEN KINOS

7.0
Punkte