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Drehbuch: Guillermo del Toro
Schnitt: Evan Schiff
Kamera: Dan Laustsen
Schauspieler*innen: Oscar Isaac, Jacob Elordi, Mia Goth, Christoph Waltz
Land: USA, Kanada
Sprache: Englisch
Länge: 2h32min
Genre: Science-Fiction, Horror, Fantasy
Donnergroll und Sturmgewitter toben um einen stählernen Turm, Regenwasser rinnt zu allen Öffnungen hindurch und dringt bis ins Kellergewölbe ein. Blitze schlagen jenseits der Wände ein und erwecken den Eindruck, als würde die Welt untergehen und sämtliches Leben mit ihr. Doch die Kraft, ein Leben zu nehmen, lässt sich theoretisch reflektieren. Der Triumph ist nah, die Ampere knistern durch die Ampullen, schießen durch Neuronen, rütteln die Zellen aus ihrem Totenschlaf und starten eine Herzfrequenz. Biologisch korrekte Rhythmen klopfen daher, gefolgt von krampfhaften Atemzügen und ruckartigen Muskelzuckungen. Eine aus mehreren Körpern zusammengenähte Leiche öffnet ihre Augen und beweist wahrhaftig, dass der Tod nicht endgültig sein muss.

Zwischen Leben und Lethargie
Auch ohne eine namentliche Erwähnung lässt sich erahnen, um welche Geschichte es sich handelt. Häufig wiedererzählt und reinterpretiert ist die Manie des Victor Frankenstein (Oscar Isaac), dem Tod als Widersacher aller Alternativen zu trotzen und aus toter Materie neues Leben zu kreieren. Fest am Glauben an die grenzenlose Wissenschaft klammernd, macht der verspottete sowie exzentrische Doktor in einer schicksalhaften Nacht das Unmögliche möglich. Nicht nur reanimiert er einen verstorbenen Organismus, er lässt ihn laufen und sprechen lernen. Wie ein Neugeborenes liebkost er seine Schöpfung, stopft ihn mit Vokabeln und Definitionen voll, während selbige nicht einmal ein Bewusstsein dafür aufbauen kann, wer oder was sie eigentlich ist.
Schnell frustriert und gelangweilt von dem mäßigen Progress der Kreatur (Jacob Elordi), greift er auf konservative Erziehungsmethoden zurück. Wer nicht hören will, muss also fühlen. Die Kreatur fühlt und hört aber mehr, als sich der Doktor eingestehen kann. Direkt kommt die Frage auf, wer in dieser Geschichte das wahre Monster darstellt. Während Victor sich einredet, er habe der Menschheit das größte Geschenk gemacht und das Ableben auf ewig ausradiert, missachtet er die Qualen und Herausforderungen des Reanimierten. Ist der Tod tatsächlich etwas, das rückgängig gemacht werden soll? Ist ein Leben nach dem Tod erstrebenswert, wenn der Lebenswille hart erkämpft werden muss? Hohe Tiere der Chirurgie hinterfragen die Intentionen Frankensteins und bezichtigen ihn der evolutionären Häresie. Auch Elizabeth (Mia Goth), die künftige Gattin von Victors Bruder, beäugt die Errungenschaft kritisch und sagt, dass nur Monster es wagen, Gott zu spielen.
Guillermo del Toro startet auf dem metaphysischen Gedanken, für den die Geschichte bekannt ist, zeigt jedoch merkliche Intentionen, den Fokus zu verrücken und das Szenario weiterzudenken. Handelt der erste Part des Filmes noch von Victor Frankenstein – dem vermeintlichen Soloprotagonisten der Geschehnisse – dreht der Altmeister des Fantasy-Genres die Zeit zurück, präsentiert einen Perspektivwechsel und reicht dem Monster das Mikrofon. Frisch ist der Ansatz dieser Adaption, Frankensteins Monster zum Protagonisten zu konvertieren. Wie die Einzelteile, aus denen es zusammengesetzt ist, hat zu dem Zeitpunkt der Story aber bereits die Verwesung eingesetzt.

Mehr Mann als Monster
Obgleich der intendierten Verschiebung des Schwerpunktes, irritiert die Balance des Drehbuchs sehr und kratzt an dessen Effektivität. Die Perspektive Frankensteins nimmt entschieden mehr Raum ein. Unter dem Vorbehalt, den Charakteren mehr Leben einzuhauchen und die Konsequenzen ihres Handelns tiefgründiger zu gestalten, ist der Film vollgestopft mit Dialogen und inkonsistenten Figurenbildern. Eine Stimme aus dem Off legt sich über die Kamera und erzählt nicht nur jeden Gedanken aus, den der egoistische Wissenschaftler hat, sondern verbalisiert teilweise das, was dem Publikum ohnehin visuell präsentiert wird. Entmystifizierend ist das Narrativ, nichtssagend sind die Interaktionen der Charaktere.
Insbesondere leiden tut darunter der Mann, dessen Name bereits seit Jahrzehnten als Titel der Geschichte dient. Beispielsweise wird anfänglich die Kindheit des Hauptcharakters dargestellt, um sein obsessives, gar verbittertes Wesen als Erwachsener zu erklären. Sein strenger Vater war Akademiker aus Überzeugung und stets in Sorge um die Reputation seines Stammbaums, weshalb er seinen Sohn großem Leistungsdruck und elterlicher Kälte aussetzte. Dies wird jedoch binnen weniger Minuten abgehandelt und der Sprung ins Jetzt der Story getan. Die Entwicklung des Protagonisten ist nicht greifbar und findet jenseits der Kamera statt.
So chargiert sich Oscar Isaac in einer bemühten Performance durch die Ambivalenz seiner Figur und hat Schwierigkeiten, einen Zugang zu schaffen. Gar cholerisch wechselt der Protagonist durch Emotionen und Motivationen, welche sich nur aufwendig zuordnen lassen. Wenn der Protagonist sich nicht als Zentrum des Interesses fundamentieren kann, wartet man lediglich auf die Nebenfiguren. Jene sind aber ebenso blass. Christoph Waltz porträtiert den obligatorischen Saubermann in gähnender Manier, während Mia Goth als moralischer Kompass fungieren soll, im Endeffekt aber in einer konfusen Romanze hinter ihrer undurchsichtigen Anziehungskraft eher Verwirrung stiftet. Ebenso ambivalent wie die Attitüde des Protagonisten ist das Verhältnis der Charaktere und bleibt trotz des zeitlichen Investments unexploriert.

Philosophische Plattitüden
Am interessantesten ist der Schwenk zur Kreatur, welche im Lauf der Ereignisse zum Helden gedeiht. Von der immersiven Ausstrahlung als einschüchternde Präsenz abgesehen, ist es Jacob Elordis Darstellung, die nichts anderes als Lobpreisungen zu tolerieren hat. Seine raue Stimme und hingebungsvollen Worte elevieren einen Protagonisten, dessen Leidenschaft Bände spricht. Funkelnde Augen formen einen eindringlichen Blick, eine schmerzverzerrte Grimasse erweckt Mitleid und die natürliche Hoffnung, dass die friedliche Existenz ein Standard ist, für den es wert ist zu kämpfen, ist ansteckend in ihrer Inspiration.
Problematisch ist dabei aber automatisch, dass diese Perspektive nur circa 50 Minuten der Laufzeit von zweieinhalb Stunden beansprucht und sich mit ihren aufgewärmten Plattitüden nicht hinter der Aura der Kreatur verstecken kann, geschweige denn sich auf einen Aspekt konzentrieren will. Die Gegenüberstellung von Mensch und Monster und welche Partei wirklich menschlicher ist, auf Aussehen basierende Vorurteile und das Entwenden von Entscheidungsgewalt über das eigene Dasein sind Themen, die sich inzwischen in Grund und Boden rekapituliert haben – sogar außerhalb des Quellenmaterials.
Zwar bedeutet dies nicht, dass diese Themen nicht erneut aufgegriffen und spannend weitergedacht oder neu erzählt werden können, doch täuschen die geschwollenen Konversationen nicht darüber hinweg, dass Guillermo del Toros erzählerische Ideen kleiner sind, als man es sich wünschen würde. So befindet man sich im Zwiespalt, denn der Kern der Erzählung in Kombination mit dem perspektivischen Expandieren sorgt für beeindruckende Momente, verpasst aber eine Pointe, die diese lange Wiedererzählung rechtfertigt. Inszenatorisch gibt es einiges zu bestaunen und auch wenn die Optik gerade in den computergenerierten Einstellungen schwankt, ist der Detailreichtum an Requisiten und Farben pompös. Ein Skalpell allein vollführt keine Wunder, es sind die Handbewegungen des Arztes und obwohl opulent in der Erscheinung und situationsbedingt faszinierend, operiert Frankenstein zu oft und zu lang an den Nähten vorbei, um sich als Geniestreich zu manifestieren.
FRANKENSTEIN IST SEIT DEM 07. NOVEMBER 2025 AUF NETFLIX VERFÜGBAR
6.0 Punkte
Dorian
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Die Leidenschaft Filme jeder Art in sich hinein zu pressen, entbrannte bei mir erst während meines 16. Lebensjahres. Seit diesem Zeitraum meines Daseins gebe ich jeder Bewegtbildcollage beim kleinsten Interesse eine Chance, seien es als Pflichtprogramm geltende Klassiker oder unentdeckte Indie-Perlen.