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Drehbuch: James Gunn
Schnitt: William Hoy, Craig Alpert
Kamera: Henry Braham
Schauspieler*innen: David Corenswet, Rachel Brosnahan, Nicholas Hoult
Land: USA
Sprache: Englisch
Länge: 2h10min
Genre: Science-Fiction, Action, Adventure
Ein Kondensstreifen erscheint am Himmel, die Menge schaut hinauf. Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Oder ist es der Tag des jüngsten Gerichts? In einer Realität politischer Korruption sowie außerirdischer Anomalien herrscht eine kollektive Unsicherheit, die lediglich von einer großen Überzeugung stabilisiert wird: Der Glauben an einen wahren Helden. Dennoch lasten die Probleme wie Blei auf dem Planeten, sogar für die stärksten Schultern ist dieses Gewicht allein nur schwer zu stemmen. Es klingt zwar hart, aber man sagt, niemand könne die Welt allein retten. Nicht einmal Superman/Kal-El (David Corenswet).

Nichts als Hoffnung und Angst
Inmitten des globalen Chaos repräsentiert der muskulöse Mann, dessen Identität den wenigsten Menschen bekannt ist, ein Symbol der Hoffnung. Selbst wenn ein gigantisches, Feuer speiendes Monster die Stadt zertrümmert und droht die gesamte Bevölkerung zu vernichten, bleibt die Hoffnung auf Rettung bestehen. Hier stirbt selbige zuletzt, denn Superman hat die Menschen bei Gefahr noch nie im Stich gelassen. Hoffnung ist das, was die Nationen vereint, tragischerweise unter den angespannten Konflikten aber oftmals das einzige, was ihnen bleibt. Die Rolle, welche der auserwählte Beschützer ausfüllt, kommt dementsprechend mit einer immensen Verantwortung daher. Auch wenn deine Körperkraft die aller anderen Lebewesen um ein Vielfaches übertrumpft, deine Fähigkeit zu fliegen jeden Düsenjet alt aussehen lässt und du Laserstrahlen aus deinen Augen schießen kannst, schirmt dich das nicht von Stress und mentalen Unsicherheiten ab.
Kal-El mag vieles können, sich zweiteilen, gehört aber nicht dazu. Etwas, das ihm bei einem Interview mit der Journalistin und gleichzeitiger Liebhaberin Lois Lane (Rachel Brosnahan) schnell klar wird. Anfänglich sitzt er auf einem hohen Ross und zeigt sich ähnlich zu seinem publiken Auftreten souverän und selbstbewusst, wenn nicht gar überheblich. Als das Interview ihm aber die Konsequenzen seines gut gemeinten, oftmals aber rücksichtslosen Einschreitens in politische Prozesse aufzeigt, knickt die aufgesetzte Arroganz ein. Hinter der Fassade mit Anzug und Cape sehen wir plötzlich nicht mehr Superman. Wir sehen Clark Kent.
Er sieht das Gute in den Menschen und möchte jeden einzelnen von ihnen vor einem grausamen Schicksal bewahren. Selbst wenn es bedeutet, Opfer zu bringen, die einen langen Rattenschwanz an neuen Chancen für militärische, ökonomische oder politische Konflikte bieten. Dass die physische Bedrohung des boravischen Präsidenten ein schlechtes Licht auf Amerikas Intentionen wirft, wird ihm vermehrt deutlich. Auch wenn er in dem Streitgespräch – zu dem das Interview mehr und mehr verkommt – gegen die Argumentation hält und beteuert, er habe lediglich sich selbst repräsentiert, kann er die potenziellen Konsequenzen nicht leugnen. Unter Tränen erwidert er, dass ohne irgendein Handeln abertausende von Menschen gestorben wären. Nicht jeden retten zu können, ist die große Angst eines Helden. Dieser muss er tagtäglich in die Augen sehen.

Hirn besiegt Muskel
Wäre dort aber keine Furcht oder Reue, würden die Menschen nicht den Helden in Superman wiederfinden, zu dem sie aufblicken – ein Ansehen, welches Lex Luthor (Nicholas Hoult) dem Fremdling aus fernen Galaxien nicht gönnt. In dessen Augen ist er ohnehin nicht mehr als das. Ein Außerirdischer, der eine Gefahr für die menschliche Art darstellt und zerstört werden muss. Sein Vorhaben soll Früchte tragen, als er eine digitale Botschaft der Eltern Kal-Els entschlüsselt, die den Helden mit einem Wimpernschlag zum Feind der Gesellschaft werden lässt. Ein Moment der Schwäche genügt und keine der Taten, welche Clark zum Wohl der Menschheit auf sich genommen hat, ist noch von Bedeutung.
Stattdessen wird er beschimpft, verscheucht oder mit einer Dose beworfen. Dass der Inhalt der Botschaft niemandem gefällt, wundert ihn nicht. Mit selbiger und der darauffolgenden Abneigung umzugehen, fällt ihm allerdings wahnsinnig schwer. Bereits in anderen Verfilmungen wird die Figur des Superman ob seiner Macht kritisch begutachtet, doch James Gunn geht in seiner Adaption einen Schritt weiter und schürt nicht nur Zweifel, sondern illustriert Panik und Enttäuschung. Binnen Sekunden ist das Image des unbefleckten Helden beschmutzt und die Hoffnung befindet sich im Sterbeprozess. Luthors ruchloses Vorgehen zwingt Kent auf intellektueller Ebene in die Knie, sodass der augenscheinlich Mächtigere sich dem augenscheinlich Schwächeren unterwirft, um das Komplott aufzulösen.
Die Rasanz, mit der Gunn die Stationen der Handlung abläuft, ist gelegentlich zu hoch und die Ambivalenz des Konfliktes wird dadurch etwas flacher, doch nimmt er sich für die Entfaltung der Charaktere genug Zeit, um die Ideen über ihre Ansätze hinaus zu denken. Clark wird mit Schuld, Verlust und Antipathie dermaßen überhäuft, dass all seine Muskeln ihm nicht mehr helfen. Aus dem hochnäsigen und sarkastischen Haudrauf wird ein ernster und umsichtiger Taktiker, getrieben von Nächstenliebe und den eigenen Ansprüchen, die Menschen trotz aller entgegengebrachter Negativität zu beschützen. Gunn zeichnet einen Helden, der seine Werte aufs Spiel setzt und über den Meinungen und Problemen steht, um eine im Kontext der Krise wehrlose Spezies vor dem sicheren Untergang zu bewahren.

Licht am Horizont
Es kommt dem Film nur zugute, dass der Regisseur die bekannte Geschichte an einem Punkt starten lässt, der Aspekte der Rahmenhandlung als bereits etabliert vorzeigt. So werden die Liebschaft zwischen Lois und Clark, sein Doppelleben oder Luthors größenwahnsinnige Absichten von vornherein wie ein offenes Buch auf den Tisch gelegt, damit andere Schwerpunkte gesetzt werden können. Währenddessen liefert Superman mit dem sympathischen Humor und den grandiosen Effekten ein Spektakel, das Fanherzen höher schlagen lässt. Bunte Lichter in fokussierten Einstellungen, dynamische und wuchtige Action sowie ein Gänsehaut garantierender Score elevieren die Epik, die das Superheldengenre atmet.
Während das audiovisuelle Feuer brennt, lodert die substanzielle Flamme ähnlich intensiv und rundet James Gunns Interpretation des kryptonischen Kämpfers als tonal vielschichtig und emotional mitreißend ab. Der Held dieser Geschichte ist viel mehr als ein im Umhang umhüllter Muskelprotz, der wie er selbst zugibt, eine Menge Fehler begeht. Diese Fehler machen ihn menschlich, seine Aktionen nahbarer und den Zugang zu ihm leichter. Allen Bedenken entgegen ist es eine entscheidende Geste, wenn ein kleiner, von bewaffneten Soldaten umzingelter Junge eine Flagge mit dem Wappen des Helden aufstellt und dessen Namen ausspricht. An den dunkelsten Tagen suchen die Menschen noch immer hoffnungsvoll nach dem Licht am Horizont.
SUPERMAN LÄUFT AB DEM 10. JULI 2025 IN DEN DEUTSCHEN KINOS
8.0 Punkte
Dorian
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Die Leidenschaft Filme jeder Art in sich hinein zu pressen, entbrannte bei mir erst während meines 16. Lebensjahres. Seit diesem Zeitraum meines Daseins gebe ich jeder Bewegtbildcollage beim kleinsten Interesse eine Chance, seien es als Pflichtprogramm geltende Klassiker oder unentdeckte Indie-Perlen.