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Drehbuch: JT Mollner
Schnitt: Mark Yoshikawa, Peggy Eghbalian
Kamera: Jo Willems
Schauspieler*innen: Cooper Hoffman, David Jonsson, Garrett Wareing, Ben Wang
Land: USA
Sprache: Englisch
Länge: 1h48min
Genre: Sccience-Fiction, Horror, Thriller
Bei den meisten Wettläufen erhalten die Verlierer eine Teilnahmeurkunde, mittels der die Anstrengungen aller Mitwirkenden gewürdigt werden. Dadurch fühlt sich eine Niederlage viel weniger als solche an und nimmt den Druck aus der Affäre, die Ziellinie nicht als erster zu überqueren. Im dystopischen Amerika verläuft der Prozess jedoch etwas anders, da es weder eine Teilnahmeurkunde, noch eine Ziellinie gibt. 50 junge Männer melden sich freiwillig zum sogenannten „Langen Marsch“, dessen Regelwerk ebenso simpel wie furchteinflößend ist. Wer als Letztes die Mindestgeschwindigkeit einhalten kann, hat gewonnen. Wer nur leicht unter Schrittgeschwindigkeit schlendert oder sogar ganz zum Stillstand kommt, wird exekutiert.

Eine Nation am Abgrund
Dieses Risiko wäre es wohl kaum einem wert, wäre der Profit eines Sieges nicht enorm hoch. Das Militärregime gewährt dem Gewinner ein hohes Preisgeld sowie einen Wunsch, der von selbigem erfüllt werden muss. Verkauft wird der Wettbewerb als hingebungsvoller Salut an die Stärken des Landes, durchzogen von Patriotismus und Hoffnung, ist in Wahrheit aber nur die Dezimierungspolice einer Nation, die ökonomisch und politisch am Abgrund steht. Der ruchlose Major predigt von einer epidemischen Faulheit, über die sich der Staat aber hinwegsetzen will. Im Internet für die gesamte Bevölkerung Amerikas ausgestrahlt, wird der Prozess bis in den kleinsten Handlungsschritt sichtbar. Die Menschen sollen sehen, was in ihrer Realität schiefläuft und werden der ultimativen Lehre von Disziplin, Willenskraft und Gehorsam zuteil.
Das Konzept dieser Filmadaption von Stephen Kings Roman Todesmarsch birgt trotz des interessanten Hintergrundes insbesondere eine Fragestellung: Wie spannend kann es sein, über knapp 100 Minuten Personen dabei zuzuschauen, wie sie gehen und sprechen? Francis Lawrence inszeniert diesen schmerzhaften Spaziergang aber dermaßen intensiv, dass die Sorgen diesbezüglich in Windeseile verfliegen. Zahlreiche Elemente der Anspannung schöpfen das Potenzial davon aus, wie ein simpler Akt zum zehrenden Alptraum wird. Aufnahmen von verschwitzten Gesichtern, deren Augen auf den Asphalt starren, werden gezeigt und lassen niemals erahnen, wann dem nächsten Mann endgültig die Kondition abhandenkommt. Verbliebene Teilnehmer marschieren mit panischer Miene weiter und weiter, nur auf den Knall des Gewehres wartend, wenn ein Abtrünniger eliminiert wird. Ein Knöchel knickt um und direkt betrachtet man den Betroffenen, als sei er ein verwundetes, von hungrigen Wölfen umzingeltes Reh.
Die Unberechenbarkeit der Geschichte äußert sich nicht primär in der Prämisse. Wie diese ausgehen wird, ist noch vor dem Start des Marsches ersichtlich. Wirklich qualvoll ist die Gewissheit, dass es passieren wird und man nur auf die Reihenfolge wartet. Ein Krampf in der Wade oder eine banale Erkältung genügen und ein Favorit belegt vielleicht die letzten Plätze. Obgleich der Eigenschaften, welche die Teilnehmer mit sich bringen, hat beinahe jeder einzelne eine realistische Chance auf den Sieg und somit ebenso auf die Niederlage, die mit dem sicheren Tod gleichzusetzen ist. Grotesk ist das Szenario, gruselig dessen Präsentation.

Die Momente, die zählen
Nicht weniger schwierig wird das Schicksal der Figuren durch die Tatsache, dass einige sich auf ihren finalen Meilen näher kommen. Was wie ein rationaler Zeitvertreib mit den Leuten beginnt, mit denen man theoretisch und wortwörtlich in den Tod läuft, entwickelt sich teilweise zu tiefer Freundschaft. Raymond Garraty (Cooper Hoffman) und Peter McVries (David Jonsson) sprechen zuerst über Oberflächlichkeiten, machen Witze auf Kosten ihrer prekären Lage und philosophieren über die Wahrscheinlichkeit, den Marsch tatsächlich als Gewinner zu verlassen. Doch mit jeder Warnung der Soldaten, jeder Schweißpore auf der Stirn und jedem fallenden Mitstreiter stellen sie fest, dass dieser Gang eine Bedeutung hat. Eine Bedeutung, die über den Preis hinausgeht.
Denn es gibt Dinge, die man sich mit Geld nicht kaufen kann. Trauerbewältigung, Traumatherapie und Rache gehören beispielsweise dazu. Darüber hinaus sind es aber die Unterhaltungen mit Menschen, die einem am Herzen liegen. Peter sagt, dass Momente wie jene, in denen Raymond und er über das sprechen, was ihnen durch den Kopf geht, mehr wert sind, als alles andere. Egal ob sie Belanglosigkeiten oder ernste Themen beinhaltet: Die gemeinsame Zeit ist ein Luxusgut, welches ihnen gewaltsam entrissen wird. Hinter der schauderhaften Ausgangslage steht eine tragische Geschichte über Freundschaften, die keine Zukunft haben. Umso mehr die Figurenzeichnung ins Rollen kommt, desto düsterer wird der Horizont und jeder weitere Schritt ist die träge Erinnerung daran, dass einprägsame Charaktere früher oder später vom Pfad abkommen werden.
Somit bildet The Long Walk – Todesmarsch nicht ausschließlich mit seiner stumpf-eskalativen Brutalität ein einnehmendes Erlebnis. Inmitten der unfairen Situation beweisen junge Individuen ihre Menschlichkeit, stoßen auf ihre Grenzen und bleiben den Schaulustigen wahrlich im Gedächtnis. Thematisch wird einiges nicht gänzlich auserzählt, doch geschieht dies gleichzeitig zur Sensibilisierung dafür, wie es sich anfühlen muss, wenn einem die Puste und somit die Zeit ausgeht. Die Zeit, um Taten zu betrauern, bereuen oder verzeihen, wird in Momenten illustriert. Und diese Momente sind immer diejenigen, die zählen.
THE LONG WALK – TODESMARSCH LÄUFT SEIT DEM 11. SEPTEMBER 2025 IN DEN DEUTSCHEN KINOS
8.0 Punkte
Dorian
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Die Leidenschaft Filme jeder Art in sich hinein zu pressen, entbrannte bei mir erst während meines 16. Lebensjahres. Seit diesem Zeitraum meines Daseins gebe ich jeder Bewegtbildcollage beim kleinsten Interesse eine Chance, seien es als Pflichtprogramm geltende Klassiker oder unentdeckte Indie-Perlen.