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Drehbuch: Jess Fuerst, Brad Furman, Pablo F. Fenjves
Schnitt: Jarrett Fijal
Kamera: Tim Maurice-Jones
Schauspieler*innen: Scott Eastwood, Jamie Foxx, Robert De Niro
Land: USA, Vereinigtes Königreich
Sprache: Englisch
Länge: 1h27min
Genre: Action, Thriller
Nash Cavanaugh (Scott Eastwood) ist ein Mann mit vielen Wunden. Erhebliche Spuren hat die Zeit auf dem Schlachtfeld hinterlassen, sein Ruhestand vom Krieg gestaltet sich jedoch ebenso wenig als stressfrei. Auf der Suche nach einer verlorenen Liebe kreuzen sich seine Wege mit einem Geist der Vergangenheit, dem sogenannten „Bokushi“ (Jamie Foxx) – der Anführer einer Sekte der ungewöhnlichen Sorte. Jene nimmt ehemalige Soldaten auf, die im Schutz des Leitbildes Heilung für die Narben ihrer Psyche erfahren sollen. Doch steht hinter der Vision in Nashs Augen ein falscher Prophet.

Verzwickte Erinnerungen
Die Geschichte unterliegt einem wichtigen Thema, welches sich mit den psychologischen Anforderungen an Menschen befasst, die Unvorstellbares gesehen und eventuell sogar getan haben. Mehrfach fällt die diagnostische Bezeichnung von Posttraumatischer Belastungsstörung oder kurz PTBS, um das Thema schnell und verständlich auf den Punkt zu bringen. Der Protagonist theoretisiert über einen charismatischen Blender, der auf Kosten des Krankheitsbildes Ansehen und Macht erlangen will. Mittels seiner Worte entblößt er Dellen in Rüstungen, appelliert an den Verstand seiner Jünger und kreiert auf ihren Schultern ein Königreich der Abhängigkeit.
In zahlreichen Montagen, in denen Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen, durchlebt der Hauptcharakter Erinnerungen, die sich irgendwann nicht mehr zwischen Realität und Fiktion differenzieren lassen. Dies nicht, weil ernsthafte Zweifel an Cavanaughs Einschätzung auftreten sollen. Vielmehr, weil die chronologisch geteilten Sequenzen schlichtweg in der Summe verwirrend sind. Brad Furman zeigt erkennbare Absichten, dem Subjekt und der Biographie seiner Hauptfigur künstlerischen Anspruch sowie Profil zu verleihen. Nichtsdestoweniger wird der Bogen überspannt und der Pfeil schießt an der Zielscheibe vorbei.
Dabei ist beispielsweise das Bild einer Blumenwiese, die in einer plötzlichen Überschwemmung untergeht wahnsinnig ästhetisch und gleichzeitig als Metapher auf das fragmentierte Bewusstsein des gepeinigten Protagonisten zu beobachten. Wenn dann aber zum vierten Mal verschwommene Lichter und ein zentraler Fokus das Gefühl von Desorientierung vermitteln sollen, wird es überfordernd. Surrealistische Szenen würzen den generischen Verlauf einer Menschenjagd zwar auf, ernüchtern in der Dosierung aber.

Echos seiner Selbst
In einem von vielen Flashbacks wohnt die Zuschauerschaft einer Konversation bei, in der der Protagonist vom Kultführer als „Echo seiner Selbst“ betitelt wird. Hiermit ist lediglich gemeint, dass er Eigenschaften von sich in Nash wiederzuerkennen glaubt, doch lässt sich diese Bezeichnung perfekt auf das transferieren, was Tin Soldier hätte abbilden können, es im Endeffekt aber nicht tut. Während die Rückblicke gespickt sind mit wilden Transitionen und einer unwirklichen Atmosphäre, findet im Jetzt der Story das exakte Gegenteil einer solchen Wirkung statt. Regungslos an Emotionen chargiert der Hauptcharakter durch das Lager der Sekte, stets die Rettung seiner potenziell bereits verstorbenen Partnerin im Blick.
Kämpfe in Schwärze, deren Dunkelheit nur von aufblitzenden Lichtern für wenige Augenblicke unterbrochen wird und rapide Schnitte, verdrehen die Intentionen der Prämisse. Man sieht hinter all der Ungewissheit einen Actionfilm der austauschbaren, handwerklich unterdurchschnittlichen und vor allen Dingen gehetzten Art. Die Romanze als Motivation ins Zentrum der Erzählung zu rücken, zweckentfremdet den eigentlichen Fokus auf ein Thema, das nach vielen Jahrtausenden noch immer aktuell ist und es weiterhin bleiben wird. Anstatt die unterlassene Hilfeleistung eines Betrügers zu kontern und sich in den Verstand eines traumatisierten Mannes einzufühlen, ist die Aussicht auf Liebe plötzlich die Antwort auf alles. Wie Salbe für die Schürfwunde kann die Vorstellung eines Zusammenseins jeden Schmerz vergehen lassen. All dies geschieht in einem Klimax, der für sämtliche Bemühungen eines Mysteriums nicht plumper gelöst werden könnte.
Für die Ansätze und inhaltlich vielversprechenden 30 Minuten zu Beginn gebührt dem Werk etwas Anerkennung, aber die alte Moral der Geschichte bleibt leider, dass Ansätze allein keine vollwertige Ausführung ersetzen können. Ohne Abspann hat Tin Soldier gerade mal 78 Minuten auf der Uhr und das stellt sich, je weiter die Handlung voranschreitet, als eine fatale Schwäche heraus. Eine tiefere Entfaltung des Konzeptes ist bei dem Tempo der Handlung nicht möglich. Ein Regisseur mit Ambitionen ist immer willkommen, für mehr als eine Teilnahmeurkunde am Hürdenlauf der enttäuschenden Action-Thriller reichen die Anstrengungen aber nicht aus.
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4.0 Punkte
Dorian
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Die Leidenschaft Filme jeder Art in sich hinein zu pressen, entbrannte bei mir erst während meines 16. Lebensjahres. Seit diesem Zeitraum meines Daseins gebe ich jeder Bewegtbildcollage beim kleinsten Interesse eine Chance, seien es als Pflichtprogramm geltende Klassiker oder unentdeckte Indie-Perlen.