Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen, behandelt die sehr in Vergessenheit geratene Aufarbeitung und Verharmlosung des rumänischen Holocaust im eigenen Land. Frech, ambitioniert und sehr gesellschaftskritisch inszeniert Radu Jude die sehr simple Geschichte der Protagonistin Mariana. Sie will eine Art Theaterstück zum Massenmord an den Juden in Rumänien während des zweiten Weltkriegs aufführen. So soll der Gesellschaft in Rumänien sehr eindringlich klar gemacht werden, dass sie entgegen jeglicher Moral den gezielten Mord an knapp 300 Tausend Juden rechtfertigen. Sie hat dabei viel mit der staatlichen Zensur zu kämpfen, sowie mit Bürgern, die sie als Lügnerin und Schwindlerin beschimpfen. Doch was ist überhaupt die wahre Geschichte des Genozides in dem osteuropäischen Land?

Rumänische Faschisten in deutschen KZs - DER SPIEGEL
Rumänische Faschisten ©AP

Genozid durch die “Eiserne Garde”

1940 sollen die Grenzen zwischen Ungarn und Rumänien neu gezogen werden. Rumänien, als ein Siegerstaat des ersten Weltkrieges, wird 1919 mit Nord-Siebenbürgen eine Fläche von knapp 100.000 km² zugesprochen. Diese Fläche, das entspräche heutzutage fast der Hälfte der gesamten rumänischen Fläche, soll nun 1940 an Ungarn abgetreten werden. Da Ihnen bei einer Ablehnung des Vertrages Einmarsch sowjetischer und ungarischer Truppen droht – was im Nachhinein als Bluff entlarvt wurde -, willigt der damalige Monarch Rumäniens ein, König Carol II.. Diese Nachricht sorgt für Proteste im ganzen Land. Die Menschen sind natürlicherweise unzufrieden, ihre Landflächen abtreten zu müssen. Die faschistische und gewaltbereite Partei “Eiserne Garde” fordert einen Machtwechsel und schnell entwickelt sich eine Massenbewegung in Rumänien. Notgedrungen ernennt Carol II. General Ion Antonescu zum Premierminister und sichert ihm umfassende Vollmachten zu.

Daraufhin bootet dieser mit Hilfe der Eisernen Garde den König aus, der sich daraufhin zwei Tage später ins Exil begibt. Sein Amt wird an seinen Sohn übergeben. Jetzt, da Antonescu effektiv an der Macht ist, werden den Juden nach und nach, so wie es auch in Deutschland geschehen ist, die Grundrechte weggenommen. In der Gesellschaft sorgt dieses Vorgehen jedoch für keine Empören, da Judenhass schon seit den 30er Jahren in Rumänien Teil des Alltagsgeschehens ist. Nachdem Frankreich, damals Schutzmacht Rumäniens, am 22. Juni 1940 eine Niederlage gegen die Deutschen erleidet, glaubt Antonescu an Deutschlands Kriegsgewinn. Da Rumänien bis dato ein wichtiger Lieferant von Öl und Getreide für Deutschland ist und die Stimmung im Land kippt, lässt Antonescu die Eiserne Garde mitregieren. Er will damit Stabilität schaffen. Die Eiserne Garde töten politische Gegner und ermorden auch gezielt Juden. Ein versuchter Putsch der Eisernen Garde gegen Antonescu mündet jedoch in seine Durchsetzung und Hitlers Unterstützung für ihn. Durch die Unterstützung des deutschen Reiches zieht Rumänien an der deutschen Seite mit in den Krieg und erobert unter anderem Transnistrien, heute auch Republik Moldau genannt. In Zusammenarbeit mit deutschen Soldaten begehen rumänische Soldaten in einer ehemaligen Hochburg der Eisernen Garde das ersten Pogrom, in dem sie willkürlich Zivilisten ausrauben und ermorden. Andere werden in Güterzüge gezwungen, kurz vor Abfahrt wird die Luftzufuhr gestoppt, so dass die Menschen während der Fahrt ersticken. Während dieses sogenannten “Pogroms von Iasi” sterben geschätzt 13 Tausend Juden. Das Pogrom ist der erste Genozid an Juden im deutschen Einflussbereich.

Weiterhin sollen Juden jetzt aus Rumänien und allen neu eroberten Gebieten nach Transnistrien ausgewiesen werden. Juden müssen den Weg laufen und werden, wenn überlebend angekommen, in Ghettos gesteckt und unter unmenschlichen Lebensbedingungen dort festgehalten. Insgesamt sterben knapp 100 Tausend Juden bis 1942. Nach 1942 reduziert Antonescu die Judenverfolgung, vermutlich weil er mitbekommt, dass die USA und Großbritannien vorhaben, sich alle Beteiligten des Holocaust vorzunehmen. Die genauen Gründe sind jedoch bis heute unklar. 1944 verbündet sich, nachdem sich Carol II. im Exil befindet, König Michael I. mit der Sowjetunion und startet einen erfolgreichen Putsch Antonescu. Er verhaftet Antonescu und erklärt Deutschland den Krieg. Die Sowjetunion besetzt nun Rumänien und hat großen Einfluss auf das Land. Am Ende des Krieges werden Rumänien die an Ungarn verlorenen Gebiete wieder zugesprochen. Antonescu wird 1946 als Kriegsverbrecher benannt, zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Doch statt die Geschichte in alle Geschichtsbücher zu schreiben und dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passiert, verschwindet dieser Teil der rumänischen Geschichte. Rumänien schenkt ihr keine Beachtung. Dadurch erlangt Antonescu in der Folgezeit eine Rehabilitierung. Eine nicht geringe Anzahl von Rumänen spricht sich seit 1993 auch laut für die Rehabilitierung des ehemaligen Diktators aus. Erst 2004 räumt Rumänien ein, an der Judenvernichtung im zweiten Weltkrieg teilgenommen zu haben. Doch “über den Holocaust wird hier nicht gesprochen, aus Unwissenheit und Dummheit. Für alles, was geschah, machen sie hier die Deutschen verantwortlich”, wie Cătălin Mihuleac betont. Der Autor beschäftigt sich in seinem 2014 erschienenem Buch Oxenberg & Bernstein unter anderem mit dem Pogrom in Iasi. Zusätzlich wurde 2012 Dan Sova, ein holocaustleugnender Politiker, zum Kabinettsminister gewählt.

Jadu Rudes Perspektive

Ein großer Brocken an Information, puh. Ich persönlich wusste nichts über den rumänischen Holocaust und musste mir alle hier aufgelisteten Informationen nachlesen. Es zeigt sich, dass dieser Genozid in Vergessenheit geraten ist. In Rumänien sieht die Lage nochmal etwas extremer aus. Radu Jude, Regisseur von Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen, sagt selber in einem Interview auf dem Filmfest Hamburg , dass er einer Generation angehört, vor denen der Genozid versteckt wurde. In seinen Schulbüchern, aber auch in den Filmen und Büchern, zu denen er damals Zugriff hatte, wurde der Genozid, wenn überhaupt, nicht als schlecht erwähnt. Auch war in der Gesellschaft kein überschwängliches Interesse an dem Geschehenen, selbst wenn man davon mitbekommen hatte.

Genau das thematisiert Jude in seinem 2018 erschienenem Film. Die Aufklärung über das Geschehen ist heutzutage besser, auch wenn sie immer noch eher schwerfällig betrieben wird. Ihm geht es um die Ignoranz der rumänischen Bevölkerung, denn viele würden sich gar nicht mit dem Thema auseinandersetzten wollen. Er überträgt seine Position auf die Protagonistin Mariana, die eigentlich nur aufklären will und dabei Gegenwind bekommt. Erst sind es Statisten, die eigentlich gar nicht am Thema, sondern nur am Geld interessiert sind, danach ist es ein Mann, der ihr rät, das Theaterstück ein wenig milder zu gestalten, damit sich Kinder das Stück auch anschauen könnten. Zusätzlich gibt es auch Ärger, weil ein Schauspieler abbricht, da das Stück geschichtlich nicht richtig sei und und und. Man merkt Radu Jude an, wie genervt er von der Gesellschaft in seinem eigenen Land zu sein scheint und diese Verärgerung überträgt er auch auf den Zuschauer.

Der Film

Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen macht wütend, aber auch traurig, wenn man bedenkt, dass Jude seine eigenen Erfahrungen einbaut. Dabei braucht man glücklicherweise kein Vorwissen zum Thema, um die Geschichte und den Konflikt zu verstehen, denn zwischendurch wird das Geschehene in Archivaufnahmen und Zitaten dem Zuschauer verständlich gemacht. Auch das titelgebende Zitat “Ich plädiere für die gewaltsame Ausweisung aller jüdischen Elemente aus Bessarabien und der Bukowina (…) Es ist mir gleichgültig, ob wir als Barbaren in die Geschichte eingehen (…). Jetzt ist der günstigste Augenblick unserer Geschichte gekommen. Wenn es notwendig sein sollte, feuert mit Maschinengewehren.“, gesprochen von Antonescu 1941, wird anfangs sehr verständlich in die Geschichte eingewoben. Es gibt den Zuschauern ohne Wissen einen gewissen Anfangspunkt.

Schließlich soll diese Geschichte einen allgemeinen Nutzen haben und steht symbolisch für jegliche Leugnungen von Gräueltaten überall auf der Welt – schließlich findet so etwas ja nicht nur in Rumänien statt. Mit aphoristischen Dialogen bringt Jude seine Botschaften direkt und klar auf den Punkt und auch das ausgezeichnete Schauspiel von Ioana Iacob vermittelt durch passende und ausgefallene Gesichtsausdrücke und Körperhaltungen das Entsetzen und Unverständnis an den Zuschauer. Ihr Konflikt ist auch der Konflikt des Regisseurs, so spürt man die Nähe zum Thema und die Ambitionen, das Thema weitläufiger an die Öffentlichkeit zu bringen.

Die Kamera fängt das ganze Geschehen stets passend ein, anfangs noch in sehr langen Einstellungen und ohne viele Schnitte, am Ende sehr dokumentarisch angehaucht, sodass der Film visuell sehr ansprechend und abwechslungsreich ist. Leider geht der komödiantische Aspekt im sehr dialogbetonten Drehbuch etwas unter, denn Situationskomik findet nur selten statt. Obwohl die Dialoge sehr kühn sind, so sind sie nicht wirklich “witzig”. Außerdem ist der Film mit seinen 140 Minuten ziemlich langgezogen, nicht unbedingt langweilig, aber man spürt die Länge, da der Film sich stellenweise auch etwas wiederholt.

Dieser Film ist keinesfalls perfekt. Dafür hat mir zwischenzeitig auch einfach die Bindung zu den Charakteren abseits des Sets gefehlt und auch die langgezogene Erzählweise hat mir an manchen Stellen leider missfallen, da sie ein wenig die Luft rausnimmt. Dennoch bin ich dem Film sehr dankbar, dass er mir ein wenig die Augen geöffnet hat und mich zu der für diesen Artikel begangen Recherche gebracht hat. Interessant war es auf jeden Fall. Doch jetzt heißt es durchatmen und die vielen neugewonnenen Informationen erstmal verarbeiten.

Mehr von Radu Jude

Radu Jude will scheinbar weiterhin Filme solcher Art machen. Im Film wird Mariana gefragt, warum sie sich auf Antonescu und nicht auf den Kommunismus konzentriert, was eine politische Voreingenommenheit impliziert. Als Antwort sagt sie, dass ihr nächstes Projekt über den Kommunismus sein kann. Radu Judes nächstes Projekt, Uppercase Print, konzentrierte sich demnach auch auf Unterdrückung und Überwachung während des kommunistischen Regimes in Rumänien, was noch einmal aufzeigt, wie ernst es der Mann meint. Ein Auge auf den Regisseur kann und sollte man definitiv werfen, schließlich hat sein neuster, während der Pandemie gedrehter Film Bad Luck Banging or Loony Porn vermutlich nicht ohne Grund den goldenen Bären auf der Berlinale 2021 gewonnen. Bis er aber in Deutschland hoffentlich in den Kinos erscheint, kann man sich auf jeden Fall Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen anschauen. Hoffentlich wird dieser Film der Thematik zu größerer Bekanntheit und Interesse verhelfen.