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Mixed-Martial-Arts-Kämpfer Octavio Bergmann (Emilio Sakraya) hat nur eine Stunde Zeit, um zum Geburtstag seiner Tochter Leonie (Morik Heydo) zu kommen – sollte er zu spät erscheinen, könnte er das Sorgerecht für sie für immer verlieren. Um rechtzeitig bei der Feier aufzutauchen, beschließt er, einen großen Wettkampf sausen zu lassen. Das kommt bei verschiedenen Gangstern, die Geld auf ihn gesetzt hatten, allerdings nicht gut an.
©TMDB
Regie: Oliver Kienle
Drehbuch: Oliver Kienle, Philip Koch
Kamera: Markus Nestroy
Schauspieler*innen: Emilio Sakraya, Dennis Mojen, Marie Mouroum
Produktionsjahr: 2024
Land: Deutschland
Sprache: Deutsch
Länge: 1h29min
Genre: Action

Ausgerechnet am Geburtstag seiner Tochter muss Octavio (Emilio Sakraya) zu einem Mixed Martial Arts Kampf ins Octagon steigen. Der Druck ist hoch. Eigentlich sind er und sein Kumpel Paul (Dennis Mojen) pleite. Ihr Trainingsstudio steht vor dem Aus, seine Kollegin Cosima (Marie Mouroum) beklagt sich über ausbleibendes Gehalt. Kuchen und Katze müssen noch als Geburtstagsgeschenk abgeholt werden.

Richtig Dampf auf dem Kessel hat Octa aber erst vor Kampfbeginn: Seine Exfrau hat die leeren Versprechungen satt. Wenn er nicht in einer Stunde endlich auf dem Geburtstag aufkreuzt, sorgt sie dafür, dass das Sorgerecht entzogen wird. Schnurstracks verlässt unser Protagonist die Arena, der Kampf findet nicht statt. Doch der ist von der russischen Mafia manipuliert worden – die verfolgt Octa und will ihn unter allen Umständen ins Octagon schleifen. Eine Verfolgungsjagd entbrennt.

Berliner Luft zum Einatmen

Von Wedding bis nach Neukölln sind es ein paar Meter. Um die Spannung anzukurbeln, wird in regelmäßigen Abständen die zurückzulegende Strecke eingeblendet und wie weit der Timer von Octas Smartwatch bereits abgelaufen ist. Simpel, aber effektiv. Demnach ist dem jungen Papa jedes Verkehrsmittel recht. Von gemächlichen Uberfahrern, engen U-Bahnwaggons oder auch massenhaft verbreiteten E-Rollern, bei der Flucht wird Octa zum Opportunisten, hat seine Strategie stets an seine Verfolger anzupassen. Das Ziel steht jederzeit vor Augen und die Zeit, die rennt.

Dadurch liegen einige Stationen auf dem Weg, die das Leben der Hauptstadt durchaus abdecken. Im putzigen Kuchenladen kann nur auf Englisch bestellt werden und der verpeilte Partygänger im Nachtklub sucht seit drei Tagen den Ausgang. Felix Lobrecht würde sagen: Kenn ick. Sicher, bei der Prämisse wird überstilisiert. Dennoch hat man durch die Beobachtungen mit Augenzwinkern bei 60 Minuten das authentische Gefühl, einen Hauch Berliner Luft einzuatmen.

Rohes Direct-to-Streaming Package

Dass sich Octa bei seinem Marathon wortwörtlich durch Menschenmengen schlagen muss, kann beim Anblick seiner Erscheinung bereits erahnt werden. Es wird gekämpft. Viel sogar. Ständig stellen sich Octa Gangster in den Weg. Ob in der bequemen G-Klasse, auf dem Hof eines Tierheims oder ganz plump und klassisch in engen Gassen rund um den Prenzlauer Berg – der breitschultrig Blonde mit brauner Jacke teilt immens aus, steckt aber auch spürbar ein.

Was durch die Choreografien in den Vordergrund tritt und sich konkret durch den Film zieht, ist die vom Regisseur Oliver Kienle festgehaltene Pragmatik und Bekennung zu einer bestimmten Art von Film. Knochenzerberstende Fäuste treffen auf sture Menschen mit felsenfesten Motivationen, die von einer dünnen Storyline dank kürzester Laufzeit von unter Anderthalbstunden gerade so zusammengehalten werden: Willkommen im B-Movie, dem heutigen Direct-to-DVD-Regelwerk. Hier werden Filminhalte mit eher beschaulichem Budget auf ihre Kernkompetenzen der Action-Unterhaltung heruntergedampft.

Der auf Netflix erschienene 60 Minuten versteht sich als Streaming-Film im Geiste der guten DVD-Actionfilme eines Jason Statham oder der aktuellen Produktionen eines Scott Adkins. Das ist nicht despektierlich gemeint. Manchmal handelt es sich hier um ungeschliffene Rohdiamanten, die klare Qualitäten besitzen, aber nicht das genügende Budget für eine Politur bekommen haben. Es gehen eigene Ästhetiken und Gepflogenheiten damit einher.

Erdung in den Kiezrangeleien

Wie bei Statham oder Adkins werden die Keilereien von den Darstellern selbst ausgetragen. Damit kann die Kamera die Bewegungen besser einfangen, um Octas Faust wie einen pointierten Presslufthammer wirken zu lassen. Stichwort Kernkompetenz: Dank der wahrhaftigen Choreografien in den Kiezrangeleien geht die Erdung nicht verloren. Alles weitere ist tatsächlich zweitrangig.

Die Strecken zwischen den Actionschauplätzen werden entweder mit Humor oder mit dramaturgisch pragmatischen Telefonaten aller Beteiligten gefüllt. Kurz trinkt Octa einen Schluck Wasser, klebt sich eine Stichwunde mit Gaffer Tape. Zwischendurch gibt’s noch einen schmerzhaft sitzenden Realitätscheck seines Papas um die Ohren. Kienle schafft es in den Konversationen immer mal wieder, vorüberziehende Versatzstücke einzuspielen, die von direkt ausgesprochener Ehrlichkeit geprägt sind.

Sinnfragen für Spaßbremsen

Sicherlich kann es einem sauer aufstoßen, wenn Personen aus dem Nichts auftauchen und dem Getümmel aus Füßen und Fäusten beitreten, solche Sinnfragen nach der Kausalität kann man sich bei 60 Minuten zuhauf stellen. Schließlich könnten sich alle Parteien mal kurz aussprechen. Aber wozu? Man sorgt mit dieser Einstellung aktiv für die eigene Spaßbremse.

Kienle lässt seine Darsteller nach einer Ästhetik tanzen, die sich aus der einstudierten Pragmatik des Budgets und des Schauwerts dieser Art von Film ergibt. Allein dass Netflix (endlich) dafür sorgte, dass ein MMA-Kämpfer sich in einer deutschen Produktion durch die halbe Hauptstadt prügelt, nur um endlich mal den Erwartungen seiner Tochter gerecht zu werden, erfreut.

Alles ist ziemlich geradeheraus. Die Extrameile liegt in den kleinen Beobachtungen, der eingefangenen Authentizität trotz Überhöhung der Umgebungen – und in der Ehrlichkeit, die dieses Werk durch sein genutztes Regelwerk besitzt. Hier ist nicht mehr Schein als Sein. Geprotzt mit Hochglanzpolitur wird woanders, aber nicht hier. Und das ist verdammt gut so.

Wer braucht schon schnöde 15 Jahre mit Hannah Herzsprung im Kino, wenn man zuhause 60 Minuten schauen kann?

7.0
Punkte