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Eine Gruppe junger Leute unternimmt einen Ausflug in die texanische Prärie, während der Wetterbericht von atmosphärischen Störungen kündet, welche nicht ohne Folgen auf die menschliche Psyche bleiben sollen. Als die Kids an einer scheinbar verlassenen Villa rasten, werden sie von einem ansässigen Fremden attackiert.
Regie: Tobe Hooper
Drehbuch: Tobe Hooper, Kim Henkel
Schnitt: J. Larry Carroll, Sallye Richardson
Kamera: Daniel Pearl
Schauspieler*innen: Marilyn Burns, Allen Danziger, Paul A. Partain
Produktionsjahr: 1974
Land: USA
Sprache: Englisch
Länge: 1h23min
Genre: Horror

Die stählerne Hitze der texanischen Mittagssonne peitscht den harten Asphalt. Der Kadaver eines unschuldigen Armadillos schleicht sich unter die ersten Bilder. Inmitten der staubtrockenen Savanne klappert der Van unserer Protagonisten seinem Schicksal entgegen. Es soll ein klassischer Road-Trip werden, einer unter Freunden. Die Bühne ist gesetzt, das altbackene Szenario nimmt seinen Lauf. Hinter Tobe Hoopers Kultgeschichte ist ein düsterer und bizarrer Tiefpunkt in der kriminellen Historie Amerikas. Mit gerade mal 140.000 US-$ Kapital kreierte der Kultregisseur einen der einflussreichsten und im Worte der Allgemeinheit besten Horrorfilme aller Zeiten. Auch wenn die vorsätzliche Resonanz eher gespalten war und der Film unter starken Reaktionen des kollektiven Zurückschreckens – die zu Konsequenzen von Kürzungen bis hin zur Beschlagnahmung und Indizierung führten – zu kämpfen hatte, wusste der Film trotz oder genau wegen seiner Furore im Gedächtnis des Publikums zu verweilen. Limitationen ohne Ende summierten ein Meisterwerk?

Rein vom Rohschnitt und dem, was kognitiv haften bleibt, ist The Texas Chainsaw Massacre – mit alternativem Titel hierzulande auch als Blutgericht in Texas bekannt – wesentlich mehr als ein dröges Gemetzel ohne Sinn und Verstand. Er ist die leibhaftige Verkörperung seines eigenen Konfliktes und in selbiger legendär und zeitlos. Minimalismus in reinkarnierter Kraft, eine Form des depressiven Impressionismus. Die Bedrohung durch eine mannshohe Gestalt in Schürze und Maske hob sich stark von der sonstigen Gefahrenquelle des Genres ab. Ein unerforschtes Gefilde dienend als Krematorium der Hoffnung. Die triste, nihilistische Inszenierung eines Slashers ist bis heute selten derart gelungen. Nicht etwa der noir-esque Hauch von Alfred Hitchcocks Psycho oder der undurchsichtige, mysteriöse Schleier von Altmeister Dario Argento stellen das Stück zur Schau — die Bilder sind klar, unpoliert und direkt. Wie nur wenige nach ihm versteht The Texas Chainsaw Massacre es mit einer groben Bravour, seine hässliche Schönheit auf den Bildschirm zu bannen. Und so konfrontierend wie seine Bildsprache ist auch die Eindimensionalität der Handlung.

Also kein primitiver Slasher?

Bevor man über eine stereotype Storyline klagt, ist bemerkenswert zu begutachten, wie The Texas Chainsaw Massacre als Vorreiterrolle ein komplettes Subgenre definiert hat, diesem jedoch gleichzeitig zu seiner Zeit meilenweit vorauseilte. Nur weil ein Film nicht besonders tiefsinnig daherkommt, kann er trotzdem noch intelligent sein. Die Doppelironie des Ganzen ist wahrlich faszinierend: Hat The Texas Chainsaw Massacre tatsächlich so etwas wie eine übergeordnete Story? In der Theorie und mit besonders viel Pech könnten die Geschehnisse des Filmes jedem Repräsentanten dieses Szenarios widerfahren. Die Annahme, der Film sei deswegen austauschbar und keinen Deut besser als beispielsweise ein Freitag der 13. ist durchaus naheliegend, in der immensen Bandbreite dessen, was The Texas Chainsaw Massacre mit seiner Erscheinung ausdrückt aber um Längen nicht gerechtfertigt.

So bedient sich der Film durchaus an den gegebenen Genre-Konventionen des Slashers, hat er sie doch teilweise selbst erfunden. Konventionen auszuspielen ist eine Formalität, sie aufleben zu lassen und zu solchen zu wandeln, dass sie qualitativ zum Abkupfern taugen, ist eine Kunst. Der blanke Realismus mündet in pausenlosen Terror. Es gibt eine Verfolgungsszene mit einer Länge von ungefähr sechs Minuten, in der die Hauptfigur Sally vom berüchtigten Leatherface durch das nächtliche Outback gejagt wird. Dieses wilde Hin und Her durch fieses, hartnäckiges Gestrüpp ist nicht nur revolutionäres Filmemachen auf ganz hohem Niveau, sondern auch ein narratives Stilmittel von enormer Nachhaltigkeit: Das Publikum übt Teilhabe aus. Durch die flüssige Kameraführung ohne pseudodynamisches Wackeln oder stilles Verharren klebt man am Geschehen und das Geschehen an einem.

Die Rolle eines Observators wird redundant, da der Film einem keine Wahl lässt. Eine einzigartige Art der Sogwirkung — selten derart gelungen, wie hier. Zwischen dem Terror nimmt sich der Film aber ebenfalls die Zeit, Daniel Pearls brillante Cinematographie zu präsentieren. Die Dedikation nicht einfach einen Film, der die Massen das Fürchten lehren soll, abzuarbeiten, sondern vielmehr ein technisches Wunderkind zu konstruieren, zeugen von der bedingungslosen Hingabe seitens des Regisseurs und seines Teams für das Medium selbst. Ob man nun die Kamera, das Sound-Design oder die Maskenarbeit hervorheben möchte — all dies vereint The Texas Chainsaw Massacre zu mehr als einem gesichtslosen Killerepos, denn es hat einen Bezug zu sich selbst.

Der Horror im Kopf

Dass ein Film mit einem Titel wie “Blutgericht in Texas” blutig wird, sollte niemanden wahrlich überraschen. Doch ist er tatsächlich so brutal wie sein Vermächtnis vermuten lässt? Auch wenn die Antwort auf diese Frage ein klares ‚Ja‘ ist, muss dennoch differenziert werden, von welcher Form von Brutalität hier tatsächlich die Rede ist. Die meisten, die mit der Erwartung auf viele Effekte und Blutorgien an den Film herantreten, werden garantiert enttäuscht. The Texas Chainsaw Massacre ist kein Splatter! Die wahre Tortur kombiniert sich aus dem psychologischen Terror und den Bildern, die man nicht zu Gesicht bekommt. Einzig bedauerlich ist es da nur, dass man sich in der bis zum Ausgang der Geschichte perfekten Dosierung im Endspiel etwas verschätzt und zu sehr mit dem kommunikativen Wahnsinn um sich feuert. Die finale Konfrontation – so intensiv sie abermals ist – misst die Subtilität seiner eigenen Unkontrolliertheit.

Nichtsdestotrotz hat dieser Film dadurch, dass man von den Gräueltaten so wenig wie möglich tatsächlich sehen möchte, einen Ehrenplatz unter seinesgleichen belegt. Horror lebt nicht nur von seiner Verbildlichung. Wahrer Horror bietet Interpretationsspielraum, entfaltet sich wie ein Virus und zapft die Reichhaltigkeit der Vorstellungskraft an. Es reichen ein paar verzweifelte Schreie hinter der verschlossenen Metalltür und der kurze Anblick eines Hammers und das Unbehagen überströmt einen innerhalb dieser dreckigen Atmosphäre. Zu letzterer trägt auch das konstant meisterhafte World-Building des Settings einen lukrativen Mehrwert bei. In jeder Einstellung zeigt sich die Location von ihrer schäbigsten Seite. Einander überrennende Weberknechte, zerfallene Räumlichkeiten und offenes Terrain ohne Farbe zeichnen die gottlose Stimmung, welche neben ihrem heftigen Eindruck nichts hinterlässt als Schmutz und Staub.

Die Ablöse des alttestamentarischen Terrors war geschafft. Mit The Texas Chainsaw Massacre hat Tobe Hooper das Horror-Genre von einer völlig neuen Seite etabliert. Das Resultat ist trotz anfänglicher Schwierigkeiten, Anklang zu finden, eines der bedeutendsten Symbole seiner Epoche und bis heute eines der Paradebeispiele, wie man richtigen Horror inszeniert. Es gibt keine Distanz mehr zwischen dem Prädator und der Beute. Er ist nicht mehr nur auf deinem TV abgebildet: Er kommt durch dein Fenster, tritt deine Tür nieder und dringt tief in deinen Verstand ein. Angst war nie wieder so real, was letzten Endes wenig mit der Tatsache zu tun hat, dass der Film auf wahren Begebenheiten basiert. Horror at its best — selten derart gelungen, wie hier. Auch nicht nach beinahe 50 Jahren.

9.0
Punkte