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Stilvoll zu rauben, ist eine Kunst! Den Täter zu fangen, ein wahres Meisterwerk. Besonders, wenn die gesuchte Diebin (Gal Gadot) eine der berüchtigtsten Kunsträuberinnen der Welt ist. Für den FBI-Profiler und Agenten John Hartley (Dwayne Johnson) eine große Herausforderung, die ihm bei seinem Ehrgeiz packt. Allerdings muss er feststellen, dass er gegen die clevere Kriminelle allein keine Chance hat. Hilfe holt er sich von dem Profi Nolan Booth (Ryan Reynolds), der genau weiß, wie das Spiel mit dem Raub und Betrügen funktioniert.
Regie: Rawson Marshall Thurber
Drehbuch: Rawson Marshall Thurber
Schnitt: Michael L. Sale
Kamera: Markus Förderer
Schauspieler*innen: Dwayne Johnson, Ryan Reynolds, Gal Gadot
Produktionsjahr: 2021
Land: USA
Sprache: Englisch
Länge: 1h55min
Genre: Action, Krimi

“Aalglatt” ist eine unter diversen Rubriken, mit denen Produkte auf Netflix kategorisch verschlagwortet werden. Eine interessante Begrifflichkeit. Ultimativ und unkonventionell. Der Aal gilt in seiner anatomischen Beschaffenheit als immens schlüpfrig und dazu äußerst wendig in seiner Mobilität, daher mündet dieses beliebte Sprichwort. Wem unter der Leserschaft dieser kurze Ausflug in die Ozeanologie gefallen hat, gebührt Gratulation und Vorwarnung zugleich: Bereits jetzt habt ihr kognitiv mehr profitiert, als man von Red Notice je könnte.

Bling Bling und Bumm Bumm

200 Mio. US-$ schwer ist das Werk — somit die bis dato teuerste Eigenproduktion aus dem Hause des Streaminggiganten. Red Notice schreibt damit Geschichte, ob es einem passt oder nicht. Dabei beweist der Film jedoch, dass nicht jedes historische Ereignis zugleich nennenswert ist. Als inzwischen dritte Kollaboration zwischen Regisseur Rawson Marshall Thurber und Megastar Dwayne ‘The Rock’ Johnson konnte es sich das dubiose Duo offensichtlich nicht nehmen lassen: Noch ein weiteres Mal! Noch ein weiteres Mal das Publikum an ihren geistigen Ergüssen teilhaben zu lassen! Um an der Stelle fair zu bleiben: Die vorherigen Zusammenarbeiten sind an sich relativ passable Filme mit einer sich abnutzenden Formel. Die ersten Müdigkeitserscheinungen besagter Formel finden sich nun bei Red Notice.

Mit seiner Laufzeit von knapp zwei Stunden – grob geschätzt locker vier Stunden zu lang – erzählt Red Notice stolz und strikt gar nichts. Keine Einstellung, kein Dialog, keine Szene bleibt auch nur im Entferntesten in Erinnerung. Bisher klingt das nicht gerade verheerend. Schließlich war dies in sonstigen Blockbustern auch selten der Fall — sei es einer mit oder ohne Dwayne Johnson in der Hauptrolle. Doch mit Red Notice kommt eine bestimmte Frage so langsam zum Vorschein: Wann hört es endlich auf? Wann hört dieses stumpfe, lieblose und scheincoole Hinrotzen von Filmemachen auf? Es gibt derart viel Action in diesem Streifen. Action, die nicht mal schlecht gemacht ist und neben den Gesichtern auf dem Poster definitiv als Aushängeschild des kompletten Produktes angedacht ist. Trotz dieser validen Bildgewalt bleibt Red Notice unter seiner warmen Farbgebung eiskalt. Hinter diesem Machwerk steckt nichts als eine hohe Ziffer.

Der Schleier der Oberflächlichkeit

Von einer wahren Inkompetenz im herkömmlichen Sinne kann hier nicht die Rede sein, dafür ist das monetäre Potenzial in tollen Schauplätzen und hochwertigen Bildern zu gut angelegt. Aber sind wir mal ehrlich: Wir haben das Jahr 2021. Eine nette Kameraeinstellung lässt sich inzwischen sogar unter den schlechtesten Filmen vorfinden. Heutzutage sprechen Bilder nicht nur durch ihre handwerkliche Interpretation, sie sprechen durch ihren Charakter. Ein Filmteam setzt sich mit seiner Audiovisualität auseinander. ‘Warum siedele ich diesen Moment in der Schweiz an und drehe nicht in Frankreich?’ oder ‘Wieso beleuchte ich das Bankett aus diesem Winkel des Raumes und nicht aus dem der Ecke gegenüber?’ sind Fragen, welche für die Zuschauerschaft transparent gestaltet werden müssen. Wenn auch nicht bis ins kleinste Detail, oftmals reicht ein Ansatz. Hauptsache es bleibt irgendwie greifbar.

Das ist das Kernproblem hinter Red Notice — zu keinem Zeitpunkt ist der Film durch irgendeinen Aspekt greifbar. Wo wäre die Filmindustrie, wenn sich jeder Film hinter seiner Fassade verstecken könnte? So ist ein Science-Fiction-Film mit einer spannenden Prämisse nicht automatisch ein Film der Extraklasse. Genauso wenig ist Red Notice als Actionfilm mit guter Technik einer. Leere Hüllen in einer goldenen Rüstung sind eben immer noch genau das, nämlich leere Hüllen.

Namen ohne Gesichter

Hatte Red Notice somit tatsächlich etwas wie Potenzial? Immerhin war von vornherein mehr als klar, dass er genau diese spezifische Art von Film werden würde. Letztlich hat jeder Film Potenzial — unabhängig davon, wer vor oder hinter der Linse sitzt, wie viel oder wenig Budget einem Film zur Verfügung steht oder wie der Inhalt aussehen mag. Die Motivation nach außen hin funktioniert nicht ohne eine vorangehende Motivation von innen heraus. Während sogar Filme wie Rampage oder San Andereas – um mal weitere vergessenswerte Filme aus der Filmographie des bestbezahltesten Schauspielers unserer Zeit, Dwayne Johnson, als Beispiel voraus zu schicken – eine Form von Reiz ausstrahlen und sich mit ihrem eigenen Universum im Einklang befinden, tut Red Notice genau dies nicht. Der Regisseur gibt offensichtlich keinen schlappen Deut auf das, was gerade vor der Kamera geschieht. Vielmehr schickt er seinen kruden Mix aus Indiana Jones, Hudson Hawk, Mission Impossible und Die Unfassbaren auf ein filmisches Himmelfahrtskommando.

Der Optik, bei der weder Kosten noch Kosten gescheut worden sind, tropft der Lack ab. Eine Storyline ist nicht vorhanden, vielmehr jagen sich die Personen von Hier nach Dort bis hin ins Jenseits. Eine richtige Figurenzeichnung findet ebenso wenig statt. Im Grunde stehen da nicht mal Figuren im Bildschirm. Alle drei Hauptrollen spielen sich selbst. Warum auch die Zeit opfern, so etwas wie Kreativität in einen Charakter zu legen, wenn er doch eh lediglich vom Charisma seines/r Darstellers/in definiert werden kann? Niemand ist in diesem Film investiert gewesen. Dwayne Johnson, Ryan Reynolds und Gal Gadot sind bisher in keiner ihrer Rollen furchtbarer gewesen als ausgerechnet in denen, die sie selbst repräsentieren. Was eine Ironie.

Somit landet die teuerste Produktion von Netflix sogleich im sumpfigen Einheitsbrei — manch einer würde diesen Brei auch Netflix-Original nennen. Ein nicht enden wollender Algorithmus der Amnesie. Mit Red Notice seine Freude zu haben, ist natürlich kein Ding der Unmöglichkeit. Für jeden, der antriebslose Unterhaltung liebt und davon nicht genug haben kann, sei dieser Film ohne bösen Gedanken empfohlen. Es ist kein Verbrechen, seinen Spaß an solchen Werken zu haben. Jenen, die sich an diesen Filmen aber mit der Zeit satt gesehen haben, bietet Red Notice nichts außer einen wirklich spitzenmäßigen Cameo-Auftritt zum Ende des Filmes. Dafür kann man aber auch einfach bis zu besagtem Ende vorspulen und sich den Mist davor schenken. Und sobald sich das Medium mit dem Vorwurf verschwendeter Lebenszeit auseinandersetzen muss, wird es ernst. So oder so bekommt man das, was auf dem Cover zu sehen ist. Ist nicht viel, oder?

RED NOTICE IST SEIT DEM 12. NOVEMBER 2021 AUF NETFLIX VERFÜGBAR

2.0
Punkte