SynopsisCrewDetails
Henry ist ein Stand-up-Comedian, der sich in die weltberühmte Opernsängerin Ann verliebt. Nach der Geburt ihres ersten Kindes, eines mysteriösen Mädchens mit einem besonderen Schicksal, wird das Leben des Paares auf den Kopf gestellt.
Regie: Leos Carax
Drehbuch: Ron Mael, Russell Mael
Schnitt: Nelly Quettier
Kamera: Caroline Champetier
Schauspieler*innen: Adam Driver, Marion Cotillard, Simon Helberg
Land: France
Sprache: Englisch
Jahr: 2021
Länge: 2h20min
Genre: Musical, Romance, Drama

Mit Adam Driver (Marriage Story) und Marion Cotillard (Contagion) in den Hauptrollen, präsentiert uns Leos Carax (Holy Motors) ein Musical wie wohl kaum ein zweites. Annette heißt das neueste Werk des stets unkonventionellen Regisseurs aus Frankreich und die Namen allein – Driver, Cotillard, Carax und natürlich die sich für die Musik verantwortlich zeigenden Mael-Brüder (bekannt als die Musikgruppe Sparks) – schüren bereits gewaltiges Interesse. Doch worum genau geht es eigentlich und was steckt hinter der vor großen Namen nur so glänzenden Fassade?

Filme wie Annette zu beschreiben ist immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Wie viele Informationen dürfen preisgegeben werden? Ab wann nimmt man dem Publikum bereits zu viel vorweg? Gerade in diesem Fall ist es vermutlich durchaus ratsam, so wenig wie möglich im Vorhinein über das Werk in Erfahrung zu bringen und folglich wird auch diese Rezension eher oberflächlich ausfallen, was den Inhalt des Ganzen anbelangt.

Henry McHenry (Adam Driver) ist ein provokanter Stand-up-Comedian und in einer Beziehung mit der Opernsängerin Ann Desfranoux (Marion Cotillard). Wir als Zuschauer:innen begleiten das Paar und ihre unterschiedlich verlaufenden Karrieren samt Einblick in ihr Privatleben. Das geht sogar so weit, dass wir während der Geburt ihres gemeinsamen Kindes im Kreißsaal anwesend sind. Ein Ereignis, welches das Leben der beiden für immer verändern wird.

Kaum ein nicht gesungenes Wort fällt in Leos Carax’ neuesten Film. Wir haben es also nicht mit einem weiteren La La Land oder Rocketman zu tun. Annette geht weiter als zuletzt erschienene Musicals und verlässt sich in seiner Erzählweise nahezu vollständig auf die von Sparks (Kimono My House) geschriebenen Songs. Kaum eine Szene vergeht, ohne dass mit etwas Gesungenem das Geschehen erklärt oder ausgebaut wird. Nein, sonderlich subtil ist der Film dadurch an der Oberfläche keineswegs, doch das muss er auch gar nicht sein. Hier gilt mal wieder die von einigen verhasste und von anderen geliebte Devise “Style over Substance”. In erster Linie soll das Publikum mit auf eine Reise genommen werden, wie man sie zwar im Grunde schon oft gesehen, aber noch nie so erlebt hat, wie hier. Durch die stets interessante und stellenweise abstrakte Inszenierung von Carax, sowie die abwechslungsreichen Songs, wird Annette zudem trotz einer Laufzeit von 140 Minuten glücklicherweise zu keiner Sekunde langweilig. Man ist schlichtweg zu interessiert daran, wie gewisse Punkte auf dieser stellenweise doch ziemlich vorhersehbaren Reise abgehandelt werden, auch wenn man den Ausgang der Geschichte bereits erahnen kann.

Je mehr man im Anschluss an die Sichtung über den Film nachdenkt, desto mehr kleine Details fallen einem ein, die man im ersten Moment während des Schauens gar nicht bemerkt hat. Spätestens dann ergibt sich ein zweiter Blick auf die Handlung, sowie die diversen von Carax getätigten Kommentare, welche ebenfalls mal besser und mal schlechter funktionieren. Seine Figuren zeichnet der Franzose zunächst ebenfalls eher oberflächlich, doch auch dies reicht für den Moment und wird nach einiger Zeit durch das Investieren eigener Gedanken ausgebaut. Schauspielerisch kann Adam Driver mal wieder unter Beweis stellen, weshalb er einer der besten und vielschichtigsten Darsteller unserer Zeit ist. Ob er seinen Charme spielen lässt, einen zum Lachen bringt oder wütend in Richtung Publikum brüllt – man kauft es ihm ab und wird bewegt von seinem Spiel. Er ist der Anker dieses Films und ohne ihn wäre er wohl kaum das geworden, was er nun ist und das obwohl er vermutlich gesanglich das über weite Strecken schwächste Bild abgibt – da seine Figur allerdings auch keinen großen musikalischen Hintergrund hat, ist dies sogar inhaltlich erklärbar und fällt weniger ins Gewicht. In dieser Hinsicht ist eindeutig Marion Cotillard der Hingucker. Auch sie liefert eine wirklich tolle Performance ab, wird allerdings von Driver stets überschattet, was jedoch auch an ihrer geringeren Screentime liegen dürfte. Simon Helberg (The Big Bang Theory) bekleidet ebenfalls eine kleine Rolle und beweist, dass er mehr als reine Comedy im Sitcom-Format beherrscht.

Neben der allgegenwärtigen Musik ist auch das Visuelle von Annette ein Lob wert. Lange Einstellungen, wunderschöne und manchmal auch sehr intime Shots, welche die Darsteller:innen perfekt zu präsentieren wissen und noch einiges mehr hat die Kamerafrau Caroline Champetier (Holy Motors) ans Tageslicht befördert. Abgerundet wird ihre starke Arbeit durch den kreativen und ebenfalls sehr guten Schnitt durch Nelly Quettier (Holy Motors). Man merkt Annette audiovisuell einfach konstant an, dass hier ein eingespieltes Team am Werk war.

Sicherlich ist Leos Carax’ neuester Streich nicht für jeden gleichermaßen sehenswert. Eine Gruppe von stolzer Größe wird sich unter den Zuschauer:innen finden lassen, die mit Annette absolut nichts anzufangen wissen wird, doch dessen ist sich sicherlich auch Carax selbst bewusst. Massentaugliche Filme zu erschaffen ist nicht sein Ziel und dies wiederum führt dazu, dass wir hier mit Sicherheit einen der abstrusesten und kreativsten Filme des Jahres präsentiert bekommen. Ob er für euch auch einer der besten sein wird, das müsst ihr insbesondere in diesem Fall einfach selbst herausfinden.

ANNETTE STARTET AM 16. DEZEMBER 2021 IN DEN DEUTSCHEN KINOS

9.0
Punkte