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Als kleines Mädchen erhält Alexia nach einem Autounfall eine Titanplatte in den Schädel transplantiert. Die Narben über dem rechten Ohr lassen sich zwar durch ihr nachwachsendes Haar kaschieren, doch schon bald entwickelt sie eine körperliche Zuneigung zu Fahrzeugen. Bereits als sie aus dem Krankenhaus entlassen wird, würdigt sie ihre Eltern keines Blickes. Stattdessen läuft sie auf den Unfallwagen zu, umarmt und liebkost diesen. Jahrzehnte später im Erwachsenenalter arbeitet Alexia als erotische Tänzerin bei einer Auto-Show und sie tötet Menschen, die ihr im Wege sind oder ihr zu nahe kommen …
Regie: Julia Ducournau
Drehbuch: Julia Ducournau
Schnitt: Jean-Christophe Bouzy
Kamera: Ruben Impens
Schauspieler*innen: Vincent Lindon, Agathe Rousselle, Garance Marillier
Produktionsjahr: 2021
Land: Belgien, Frankreich
Sprache: Französisch
Länge: 1h48min
Genre: Horror, Drama, Thriller

Brachialer Bass, krasse Karossen und aufmerksamkeitserhaschende Astralkörper füllen in den ersten Minuten von Titane die Einstellungen bis zum Bildrand. In wunderschöner Werbefilmästhetik wird das gezeigt, was zwar in jedem The Fast and the Furious-Film integraler Bestandteil ist, doch dort nie reflektiert oder gar thematisiert wird: das Objektifizieren von Frauen oder zumindest äußerlich als Frau anzumutende Personen. Lichtsetzungen und Trauben von gaffenden Männern verschaffen im Einklang mit den Kameraperspektiven ein Ambiente, was zwar attraktiv anzusehen ist, doch im gleichen Augenblick verstört.

Im Zentrum rekeln sie sich, die Showtänzerinnen auf den lumineszierten Wagen. Mittendrin lehnt Alexia an einem Cadillac. Sie fühlt sich nach der Einsetzung einer Titanplatte in ihrem Kopf zu Autos, zu Metall hingezogen und etwas mehr als das. Den Männern zutwerkend, türmt und legt sie sich schlangenartig auf die Motorhaube. Frau und Fahrzeug werden gleichgesetzt, verkommen zum Objekt der Begierde von testosteronbeladenen Machos, dem Sinnbild von klischeehafter Männlichkeit und dem Kinoauge des Zuschauers – zumindest letzteres müsste sich daraus ableiten. Dem ist aber nicht so. Zu knallhart ließ Regisseurin Julia Ducournau die ersten Minuten filmen, siedelt die Werbeästhetik fast schon im Erotikgenre an. Kurz: Das Erlebnis ist intensiv, entlarvend und in beschämender Schönheit auf der Leinwand zu begutachten.

Es ist ein enormer Trick, den Ducournau in audiovisueller Pracht ausbalanciert. Wie schon bei ihrem Spielfilmdebut Raw konfrontiert sie die Zuschauer mit gewohnten Verhaltensweisen, nur um sie dann mit dem Horrorgenre aufzudecken und  ad absurdum zu führen. In Raw traf die Essgewohnheit des normierten Menschen auf die gar nicht so weit von der Realität entfernten Aufnahmerituale einer elitären Studentengemeinschaft. Mit großem Erfolg flog ihr erster Film wie eine nahezu perfekt ausbalancierte Kugel mitten ins Schwarze, praktisch alles saß. Bei Titane ist das eine andere Geschichte, auch wenn zu Beginn die Strömungen des angsterfüllenden Genres in den Kinosaal Einzug halten, die Netzhaut neben der Körperästhetik mit blutspritzenden Morden konfrontiert wird.

Denn auf die ersten Minuten des Gewinners der Goldenen Palme in Cannes 2021 tritt, je länger sich der Film seines Anfangs entledigt, Ernüchterung ein. Titane verwirft die aufgemachte Thematik rasch, entwickelt neue Konzepte, verwirft diese dann auch wieder, was nach kurzer Zeit zum langanhaltenden Handlungsstillstand führt. Schnell wird die Objektivierung über den Haufen geworfen, um danach die Frage nach Geschlechtsidentitäten, der eigenen Sexualität und darüber die Angst vor den innewohnenden Präferenzen aufzustellen, nur damit diese ebenfalls abgelöst werden und der Trauerbewältigung einer Figur Platz gewähren.

Mindestens zwei Filme erkämpfen sich über Titane die Oberhand. Auszumachen, welcher davon gewinnt, ist kaum möglich. Zwar vollbringt es Ducournau einige Male, vorangegangene Szenen wieder aufzugreifen und dadurch neue Bedeutungen des menschlichen Verhaltens aufzudecken, doch sind diese Gegenüberstellungen wirr, in ihrer Stückzahl zu rar und somit selten durch gesammeltes Desinteresse noch mit effektiver Auswirkung behaftet.

Auch die größer angelegte Nebenfigur von Vincent Lindon – die kaum enthusiastischer dem Männlichkeitsideal nacheifern könnte, auch wenn ihr Alter dem geringe Chancen einräumt – wird zur trauerbesessenen Stille verdonnert, Szene an Szene reiht sich und der Film hört auf zu atmen. Selbst die gegensätzliche Verbindung zwischen ihr und Alexia – der eine möchte seinen Körper verändern, Alexia muss ihren verbergen und beide erreichen so den Status ihrer eigentlichen Identität nicht – wird fallengelassen. Vor allem in Anbetracht der Schauspielerin Alexias, die nichtbinäre Agathe Rousselle und ihrer somit automatisch dem Film perfekt zuträglichen Identifikation, weist dies Ernüchterung auf.

Ein Film muss keine neuen Erkenntnisse für Thematiken beisteuern, egal ob altbenutzte oder progressive. Es wäre jedoch wünschenswert, wenn nicht immer dann, wenn eine teils aggressive Adressierung Aufmerksamkeit bekommt, Zurückhaltung einsetzt, denn genau das passiert in Ducournaus Titane stets. Die einstige Verstörung optischer Reize setzt so nie wieder ein, später entrinnt der Horror dem Drama. Einige Kritiker sehen in dieser Herangehensweise ein Unterlaufen der Erwartungen, jedoch wird auch der Gedanke ermöglicht, dass Ducournau sich diesmal schlicht zu wenig traute, mal so richtig loszulegen. Gerade Raw bewies in der Vergangenheit das Gegenteil, was Titane umso schmerzhafter zurücklässt.

5.0
Punkte