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Dr. Anna Fox gilt als Einzelgängerin, da sie alleine in ihrem Haus lebt, Wein trinkt und alte Filme schaut. Außerdem liebt sie es, ihre Nachbarn zu beobachten. Eines Tages beobachtet sie dabei einen Gewaltakt. Doch das reicht nicht als Beweis.
Regie: Joe Wright
Drehbuch: Tracy Letts, A.J. Finn
Schnitt: Valerio Bonelli
Kamera: Bruno Delbonnel
Schauspieler*innen: Amy Adams, Gary Oldman, Julianne Moore, Anthony Mackie, Brian Tyree Henry, Jennifer Jason Leigh
Jahr: 2021
Land: USA
Sprache: Englisch
Länge: 1h41min
Genre: Thriller

Regen tropft auf das Haus von Anna Fox. Das Haus, in welchem sie seit mehreren Monaten ihre Tage mit Wein trinken, Filme schauen und Nachbarn beobachten verbringt. Außerhalb des Hauses war sie schon lange nicht mehr. Das verhindert ihre Agoraphobie, ein Angstzustand, durch welchen man sich im Extremfall nicht traut, die eigene Wohnung zu verlassen. Nun ist Anna so ein Extremfall. Sie ist einsam, ohne ihren Mann und ihre Tochter, da diese inzwischen woanders wohnen, und so ist jede Abwechslung interessant. Da passt es, dass gegenüber eine neue Familie einzieht: Die Russells. Nachdem Anna einen Abend mit der Jane Russell verbringt, hört sie ein Schreien von der anderen Straßenseite. Voll Furcht muss sie mit Ansehen, wie Jane ermordet wird. Als sie daraufhin die Polizei alarmiert, glaubt ihr niemand. Jane Russell sei nämlich noch am Leben, Anna hätte sie nie kennengelernt und würde halluzinieren – doch alles ist nicht so wie es zu sein vermag.

The Woman in the Window ist ein von Pech geplagter Film. Erst muss sich das gesamte Produktionsteam durch Rewrites und Reshoots kämpfen, danach wird das Produktionsstudio, 20th Century Fox von Disney übernommen und der Film wird verschoben, anschließend muss der Film komplett neu geschnitten werden, da Zuschauer bei Test-Screenings nicht zufrieden sind, dann wird der Film ohne neues Erscheinungsdatum aufgrund der COVID-19-Pandemie abgesagt und jetzt, knapp eineinhalb Jahre nachdem der erste Trailer erschien, landet der Film auf dem überschwemmten Filmmarktplatz Netflix, und versucht dort irgendwie an der Wasseroberfläche zu bleiben. Ob ihm das gelingen wird, wage ich zu bezweifeln. Wie sich herausstellt, ist The Woman in the Window, ein Film, welcher für das Kino gemacht war, hier am Besten aufgehoben, so reiht er sich gut in die Netflix-Original-Liste dieses Jahres ein. Netflix liebt bekanntlich den Mittelmaß, und The Woman in the Window erfüllt ebendieses Kriterium. Nur in diesem Fall Mittelmaß der edlen Sorte.

Schön aufbereitet, mit netten Ideen was die visuelle Aufmachung des Filmes betrifft, interessante Kameraschwenker, kleine Spielchen wenn es um die eigene Farbgebung geht und nette Anekdoten an die Filme, von dem sich der Film offensichtlich inspiriert lassen hat – doch das reicht nicht. Die Wirkung der visuellen Stärke des Filmes wird dadurch vermindert, dass die Atmosphäre nicht ganz zu den Bildern passt. Der Score des Filmes wirkt zweckentfremdet, fehl am Platz und täuschend. Hier wird einem etwas verkauft, was man nicht bekommt. Denn starke Thriller sind nicht mal einfach so im Angebot. Der Film lockt mit gut vermarktbaren Bildern, doch diese sind im eigentlichen Film so leer und ohne Wirkung, da Ihnen die Wucht aufgrund nerviger und sich immer wiederholender Musikabfolgen geraubt wird, dass sie zu nichts aussagenden Werbetafeln für einen Film werden, der The Woman in the Window nicht ist.

An der Buchvorlage ist es in diesem Fall nicht gescheitert. A. J. Finns clever-verzwickter Roman ist hier auch nur Mittel zum Zweck. Der Film orientiert sich in der Grundstruktur und gewissen Momenten klar erkennbar an seinem Ursprung, doch ändert entscheidende Dinge so ab, dass Personen, die das Buch gelesen haben sich kopfschüttelnd fragen, warum das Ausgangsmaterial hier so verhunzt wurde. Entscheidende Charaktereigenschaften und Nebengeschichten werden hier weggelassen, um den Film auf 90-minütige Abendkost zu trimmen. Doch selbst dabei wirkt der Film zu lang, oder zumindest zu langsam. Das Buch an sich hatte schon Probleme, die Geschichte stellenweise voran zu bringen, schaffte es aber dennoch, sie und ihre Charaktere in knapp 450 Seiten gut abzurunden. Davon fehlt jede Spur im Film. Kein Charakter abseits von Anna wird auch nur annähernd beleuchtet, und dies nicht, weil einem Zeit gefehlt hätte, sondern weil die Filmemacher zu faul waren, die Wendungen ansprechend zu inszenieren. So sind sie für “unwissende” Zuschauer zwar schockierender, die Unvorhersehbarkeit entsteht aber nicht durch einen natürlichen Prozess, sondern dadurch, dass einem keine Anhaltspunkte gegeben werden, durch die man sich die Details selber erarbeiten hätte können.

Das Buch ist diesbezüglich ist wie ein Puzzle, das seine Puzzleteile nach und nach vorlegt. Der Film baut das Puzzle schon für den Zuschauer zusammen, lässt aber noch das Licht aus und erzeugt so, wenn das Licht dann irgendwann gegen Ende des Filmes angeschaltet wird, Verwirrung, da man sich erst mit den vielen neu erhaltenen Informationen zurechtfinden muss. Wenn die Geschichte die ganze Zeit nur so vor sich her dümpelt und dann gegen Ende alles auf einen einprasseln lässt, kann auch eine wie immer hervorragend spielende Amy Adams nicht mehr viel retten. Sie versucht verzweifelt, den Film über seine Laufzeit irgendwie zu tragen, irgendwie aus diesem großen Kaff der Belanglosigkeit zu retten, doch sie schafft es schlussendlich nicht. Dafür werden ihr vom Drehbuch zu oft die Beine weggezogen. Auch der restliche Cast ist nur so halb am Werk. Man merkt zwar ein gewissen Engagement, doch bewirken tut dies nichts, da keiner Nebenfigur die eigentlich nötige Zeit gewehrt wird.

So ist The Woman in the Window genau das, wovor der Film zu fliehen versucht, oder zumindest versuchte. Eine weitere Einreihung in das, schon fast nach dem mittelmäßigsten Mittelmaß strebenden Netflix-Programm und ein Film, der spätestens in ein paar Monaten aus dem Gedächtnis vieler Menschen verschwunden sein wird. Wenigstens hat man die Möglichkeit, es Anna gleich zu tun und den Film zu Hause zu schauen. Einen Gang ins Kino wäre der Film bei diesem Endergebnis leider auch nicht wert gewesen.

4.5
Punkte