Der Loser Casey (Jesse Eisenberg) hat es schwer im Leben und wird ständig herumgeschubst. Nachdem er dann auch noch von mehreren Motorradfahrern auf der Straße grundlos verprügelt wird, beschließt er, etwas zu ändern. Die anfängliche Idee, sich eine Handfeuerwaffe zu kaufen, lässt er fallen, als er ein Karate-Dojo entdeckt, bei dem er sich für Stunden anmeldet. Die Welt des harten und unantastbar männlichen Senseis (Alessandro Nivola) wird immer mehr zu der Caseys….

Jesse Eisenberg ist ein Meister darin, einen introvertierten Schwächling zu spielen. Das beweist er unter anderem in den Zombieland-Filmen und jetzt auch in The Art of Self-Defense. Seine ängstliche Art, zu sprechen, seine Mimik, seine unnatürlich unsichere Körperhaltung – als wäre er wie für diese Rollen geboren. Diesmal ist der Name der Rolle, auf die Jesse Eisenberg wie die Faust aufs Auge gecastet wurde, Casey. Ein Typ, der so weit von “Männlichkeit” entfernt ist, wie man nur sein kann: Schmale Statur, unsicheres Auftreten, fehlendes Verteidigungsvermögen, selbst sein Name mutet weiblich an. Um seine Figur strickt Regisseur Riley Stearns, der mit jetzt zwei Langfilmen ein noch eher unbeschriebenes Blatt in Hollywood ist, eine satirische Geschichte um toxische Maskulinität in unserer Gesellschaft. Das inszeniert Stearns als schwer trockene, seicht startende, aber immer krasser werdende Komödie.

Wo der Trailer impliziert, es würde die altbekannte Geschichte erzählt werden, wie sich ein Mann aus seiner einsamen Opferrolle zu einem selbstbewussten, sich selbst neu entdeckenden Helden entwickelt. Das scheint das erste Drittel des Films dann auch zu bestätigen. Obwohl man durch die zahlreichen sehr flachen Gags immer wieder zum Schmunzeln kommt und hier und da von der mehr als soliden Kameraführung angetan ist, geht man nicht gerade in Begeisterung auf. Ändern tut sich das, wenn sich das Drehbuch in oben angesprochene Sozialsatire wandelt, immer düsterer, zum Nachdenken anregender und damit packender wird. Im zweiten Drittel offenbart sich einem die Message, die die Macher zugegebenermaßen nicht gerade subtil darlegen. Tatsächlich ist The Art of Self-Defense nämlich eine deutliche Kritik an dem toxischen Maskulinismus in unserer Gesellschaft. Männer dürfen keine Schwäche zeigen, alle Gefühle außer Wut und Aggressionen hinten anstehen lassen, keinerlei Ängste haben, stets sexuell getrieben sein und eben nur die typischen Männersachen machen, während Frauen dem Mann klar unterlegen sind und sich ihren Respekt hart verdienen müssen, wenn sie ihn überhaupt erlangen können. Oder, in den satirischen Charakter des Films übersetzt: Ein maskuliner Mann hört nur Metal, streichelt keine Hunde, kümmert sich nur um sich selbst und verprügelt regelmäßig Schwächlinge. Und eine Frau kann nie zum Mann werden, weil sie eben eine Frau ist.

© Bleecker Street Media

Man ahnt es schon, das Thema polarisiert gerne. Glücklicherweise geht man in The Art of Self-Defense sehr viel geschickter damit um als am Anfang des Jahres beispielsweise Gillette. Denn dieser Film hat Casey. Casey passt in dieses Konstrukt so gar nicht rein. Als reservierter, freundlicher und emotionaler Mann kommt er nicht klar mit einer hypermaskulinen Welt. Wir folgen ihm durch den Film, und sehen gequält dabei zu, wie er sich der ihm so fremden Welt langsam hingibt. Das funktioniert sehr viel besser und damit gehört The Art of Self-Defense zwar nicht zu den subtileren und nuancierteren, aber dennoch zu den besseren Vertretern seiner Art, die sich mit Toxic Masculinity beschäftigen. Gerade weil mit dem Finale auch ein mehr als nur gelungener Abschluss gefunden wurde. Davon muss man sich aus Spoiler-Gründen aber natürlich selbst überzeugen.

Mit Imogen Poots findet sich dann auch nur eine Frau im Cast, die dann aber absolut brilliert. Sie agiert als diejenige, die es unter lauter Alpha-Männern schaffen will, gleichzeitig aber weiß, dass egal, wie gut sie ist, sie niemals bei ihnen in der Mitte stehen wird. Schade, dass sie so wenig Screen Time bekommen hat, denn sie spielt genauso gut, wie Aleasandro Nivola den hypermaskulinen Sensei spielt, der im Dojo seinen Schülern “die Kunst des Mann seins” beibringt. Der Cast ist zusammen mit dem Skript also die größte Stärke des Films. Auf der technischen Ebene bekommt man zwar ein paar interessante Einstellungen zu sehen, besonders hervorstechen tut aber keine der technischen Disziplinen.

The Art of Self-Defense ist am Ende aber ein mehr als nur empfehlenswerter Film. Die Sozialkritik ist zwar recht plakativ, aber dennoch geschickt konstruiert und in ein sehr trockenes, meistens funktionierendes Humorgerüst gesteckt. Mit einem starken Cast und vielen tollen Szenen, die absolut zitierwürdig sind, ist Riley Stearns ein Name, den man definitiv im Auge behalten sollte.

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