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Die Mitarbeiter einer europäischen Zeitung beschließen, eine Jubiläumsausgabe herauszugeben, in der die drei besten Storys des letzten Jahrzehnts herausgehoben werden: Die Story über einen zu lebenslanger Haft verurteilten Künstler, eine über Studentenunruhen und über eine von einem Koch aufgeklärte Entführung.
Regie: Wes Anderson
Drehbuch: Wes Anderson, Jason Schwartzman, Roman Coppola, Hugo Guinness
Schnitt: Andrew Weisblum
Kamera: Robert D. Yeoman
Schauspieler*innen: Bill Murray, Benicio del Toro, Frances McDormand
Produktionsjahr: 2021
Land: Deutschland, USA
Sprache: Englisch, Französisch
Länge: 1h48min
Genre: Comedy, Drama

2014 zeigte der Regisseur Wes Anderson mit seiner wahrscheinlich bekanntesten Kreation Grand Budapest Hotel, wie abgedroschene Bildformate und Stilistik sich beim Kinopublikum weiterhin durchsetzen können. Glorreiche Stars besetzten die komödiantischen Rollen, die rhythmischen Bilderfluten sprudelten vor Einfällen und Kniffen in ihren Kameraeinstellungen und Montagen. Ein Nerv wurde getroffen, den er nun mit The French Dispatch wieder herbeizaubern will.

Alte Macken neu poliert

Auf dem ersten Blick lässt sich alles wiederfinden. Clevere Ideen offenbaren sich in symmetrisch zentrierten Gebäuden, Straßen und Gängen, die eigenartigen und doch empathischen Figuren zeigen Witz und der rasante Schnitt sorgt für Schwung in der Bilderflut.

Drei voneinander getrennte Geschichten bilden einen Anthologie-Film über drei absurde Beiträge der titelgebenden französischen Zeitung The French Dispatch: von einem psychopathischen Maler über einen Studentenaufstand bis zu einem kulinarisch interessierten Zeitungsredakteur, anwesend bei einer Entführung. Dazwischen spannen Szenen in der Zeitungsredaktion den Rahmen. Eine Handlung existiert also nur in loser Form, ist eher zweckdienlich.

Gleiches kann von der Inszenierung behauptet werden, die stets versucht, die Banalität der eigentlichen Beiträge zu verschleiern. Doch das Bildfeuerwerk nutzt sich ab. Verspielte Einstellungen wirken nach dem fünften Einsatz zwar nicht charakterlos, aber nach Schema F. Wenn der audiovisuelle Erzählstil aller Geschichten deckungsgleich ist, was unterscheidet die eine Geschichte dann noch von der anderen? Für eine Einheit ist The French Dispatch zu sehr in drei Geschichten zerstückelt, wirklich unterscheiden, um keine Einheit erzielen zu wollen, kann man die Beiträge aber auch nicht.

So verkommt beispielsweise eine ausgeklügelte Einstellung mit Polizisten, die auf verschiedenen Raumebenen in gestellten Posen das Bild komplett vereinnahmen zum reinen Selbstzweck. Als stillstehendes Poster beeindruckend, geht der Stil über diese tolle Bildanordnung nicht hinaus. Doch viele Poster machen eine Collage, keinen Film. Ein klares Ziel und die Substanz der Inszenierung fehlen.

Dazu kommt, dass die Schwächen eines Anthologie-Films auch vor The French Dispatch keinen Halt machen: Die erste Geschichte mit Benicio del Toro sticht die beiden kommenden aus, da hier die Erzähltechnik und der Stil Andersons perfekt eingeflossen sind, bei den anderen beiden aber gezwungen daherkommen. Der Rest kann nicht mit dem beeindruckenden Einstieg mithalten und schwächt den Gesamteindruck, als hätte man all sein Talent auf das erste Titelblatt beschränkt, um die inhaltslosen Seiten der Zeitungsausgabe zu kaschieren.  

Der Stil verkommt zum alleinigen Inhalt

Noch mehr als in Grand Budapest Hotel ist jede Einstellung minutiös in ihren Bildelementen ausbalanciert. Symmetrische Bildelemente formen Geschlossenheit, selbst der Goldene Schnitt schafft es in der Untersicht einer Wendeltreppe als geometrische Form in The French Dispatch. Auch eine Referenz an das russische Kino Eisensteins lässt sich in der ersten Geschichte wiederfinden. Doch wofür? Mehr als ein „Sieh mal, da!“ für Cineasten entsteht aus den kurzen Einblendungen nicht. Der Regisseur kennt die Filmkunst und dessen Erbe, macht aber daraus eher ein zusammengekleistertes Best-Of, das in 106 Minuten keine Luft zum Atmen bekommt.

Visuell reizt das durchaus, wenn Schwarzweiß sich mit kunterbunter Bildgestaltung abwechselt und sämtliche Filmideen der vergangenen Dekaden Einzug in die Kurzgeschichten halten, aber gleichzeitig wirkt alles bemüht – auch wenn die Dialoge schrullig sind, eine leichtfüßige Inszenierung ist nur den Zeichentrickeinlagen innerhalb von „The French Dispatch“ vorbehalten. Entfalten kann sich deshalb kaum etwas, zu schnell müssen weitere Stilmittel abgearbeitet werden.

Voice-Over quasseln bis zur Wahrnehmungsgrenze in die mit Bildelementen vollgepfropften Einstellungen. Vermittelt das französische Kino, an dem sich Anderson offensichtlich orientiert, diesen Eindruck einer Informationsflut über rasante Bewegungen, steht bei Anderson jedes Bild nahezu still. Er setzt auf den Lautsprecher oder konfuse Eindrücke. Während die Nouvelle Vague eher auf die Entfesselung der Kamerabewegung setzt, ist The French Dispatch eines nicht in seiner Bewegung: entfesselt.

Ein ausgefallenes Format mit ungewöhnlicher Verwendung

Statt kleine Dinge größer als auf einem Breitbild erscheinen zu lassen und erkennbar zu machen, flüchtet Anderson im 4:3-Bildformat meist in Totalen oder darüber hinaus. Die Darsteller wirken in den Bildern erschreckend mickrig. An Detailaufnahmen bedient sich Anderson kaum, die Figuren nehmen über die meiste Zeit nicht mehr als ein Viertel der bewegten Bildausschnitte ein. Sicherlich hätte einige Male eine Lupe gutgetan.  

Das Schauspiel geht so völlig unter. Jetzt könnte man meinen, das sei Intention. Aber warum auf namhafte Größen setzen, wenn man ihre Fähigkeiten doch nicht komplett ausspielt oder gar erkennt? Benicio del Toro, Frances McDormand, Timothée Chalamet, Jeffrey Wright, Tilda Swinton oder Bill Murray sind nur einige der hier auftretenden heiligen Grale der momentanen Filmgeschichte – entfalten kann sich aber niemand.

Selbst wenn dann das Format für kurze Zeit wechselt, kann der insgesamt ernüchternde Eindruck nicht gemindert werden. Gerade auf Andersons Rhythmus wirkt sich das Seherlebnis fatal aus. Bevor man sich an das Tempo der ersten Geschichte gewöhnt hat, ist die zweite schon an einem vorbeigezogen – und die dritte kommt ja auch noch. Wobei man sich an die dritte kaum erinnert, da die erste so viel besser war.

Es kommt, wie es kommen musste. Überall ist Kunst zu sehen, nur eben kein Kunstwerk. Zurecht gefeierte Darsteller formen mit den Requisiten in zahllosen Einstellungen wunderschöne Bildkompositionen. Doch der fehlende Fokus verhindert spürbares Potenzial. Das Kennen und Benutzen filmkünstlerischer Kniffe macht ohne das Fingerspitzengefühl für deren eindrucksvollen Einsatz noch lange kein Meistwerk. The French Dispatch ist ein Beispiel dafür.

4.0
Punkte