Der alte Bambus-Sammler Tekatori no Okina entdeckt eines Tages in einer glühenden Bambus-Knospe ein winziges Baby. Er nimmt das Findelkind mit nach Hause und zieht es gemeinsam mit seiner Frau auf. Mit der Zeit wächst das kleine Mädchen zu einer wunderschönen jungen Frau heran. Ihre Pflegeeltern ahnen nicht, dass sie in Wirklichkeit die Tochter des Mondes ist. Als die Prinzessin alt genug ist, halten fünf Adlige um ihre Hand an. Doch jedem von ihnen stellt sie eine scheinbar unmögliche Aufgabe.

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Hayao Miyazaki ist der unangefochtene Star von Studio Ghibli. Seine Filme sind es, die das gemeine Bild des Studios prägen, er ist derjenige, dessen Gesicht mit dem Filmstudio verbunden wird. Man kann meinen, das sei zurecht so, doch unter keinen Umständen sollte man vergessen, wer Isao Takahata war. Auf unserem Kontinent dürfte der Regisseur wohl vor allem für die Zeichentrickserie von Heidi bekannt sein, die zu unseren Kindertagen auf zahllosen Röhrenfernsehern flimmerte. Noch weitaus eindrucksvoller sind allerdings seine Beiträge zur Filmographie unser aller Lieblings-Animations-Produktionsfirma. Denn die sind nicht minder interessant und eindruckvoll als Miyazakis bekanntere Werke. Über meinen persönlichen Ghibli-Lieblingsfilm Die letzten Glühwürmchen, der auch von Takahata gedreht wurde, muss ich demnächst definitiv auch noch ein paar Worte verlieren. 2013 brachte Takahata jedoch seinen letzten Film in die Kinos: Die Legende von Prinzessin Kaguya.

Das wichtigste zuerst: Prinzessin Kaguya ist einer der schönsten Filme, die man sich so anschauen kann. Takahata lässt selbst im Jahre 2013 jeden einzelnen Frame malen, Bild für Bild entstammt den Fingern und nicht nur dem Computer. Dabei ist der Film vollständig in einem einzigartigen Holzkohlen-Wasserfarben-Look gehalten, der einem alten Mainstream-Europäer so noch nicht untergekommen ist. Allein dieser Stil macht Prinzessin Kaguya zu etwas Besonderem, etwas Einzigartigem. Er gibt dem Film etwas mystisches, etwas fantastisches und gleichzeitig faszinierendes. Schaut euch einfach mal den Trailer an, und ihr wisst, was ich meine. Man hat das Gefühl, man wäre direkt in alte japanische Folklore hineinversetzt, in Gemälde, die auf Leinwänden erschaffen wurden. Takahata verschmilzt damit künstlerischen Mal-Stil mit dem Thema seines Films, der genauso im historischen Japan spielt.

Die Geschichte ist dabei verhältnismäßig simpel und bodenständig. Während die kleine Kaguya in der ländlichen Gegend ihrer Zieh-Eltern aufwächst, Freunde trifft und kleine Abenteuer erlebt, ist es ihr Vater, der sie als Prinzessin sieht und besessen davon ist, ihr ein dafür ebenbürtiges Leben zu schaffen. So wird sie in das Leben des Adels hineingezogen, bekommt strenge Verhaltensregeln aufgedrückt, muss sich schminken und ihren Körper teils entstellen. Kaguya leidet darunter und verliert nach und nach ihre energetische Art, mit der man sie im ersten Drittel des Films kennenlernte. Gerade in diesem ersten Drittel schließt man Kleiner Bambus, wie die Freunde von Kaguya sie nennen, so sehr ins Herz, dass es teils wirklich eine Qual ist, wie ihr Vater sie anschließend in Situationen drängt, wo für den Zuschauer doch so offensichtlich ist, das sie dort nicht hineingedrängt werden möchte. Trotzdem merkt man ihrem Vater immer seine unabdingbare Liebe für seine Ziehtochter an, die ihn blind zurück lässt, und aufgrund derer man ihm kaum böse sein kann. Takahata zeichnet in Die Legende von Prinzessin Kaguya eine emotionale, bedachte Geschichte, in der es nicht nur um die absurden Verhaltensweisen in der oberen Gesellschafts-Schicht geht, sondern auch um Familie, die einen durch ihre unabdingbare Pflicht der Zugehörigkeit schnell in Rollen pressen kann, die einen unglücklich machen. Ein Thema, das man nur allzu leicht auf uns selbst übertragen kann und damit wirklich nah geht.

Perfekt ist Die Legende von Prinzessin Kaguya jedoch nicht. Gerade im Mittelteil verliert der Film viel von seiner Energie, von seinem Esprit und hat gerade durch eine starke Tempo-Veränderung in der Mitte der Laufzeit Schwierigkeiten, den Zuschauer bei sich zu behalten. Das relativiert sich im letzten Drittel wieder, ist aber nichts desto trotz erwähnenswert. Sich die Frage zu stellen, ob für das Gewand dieser im Kern recht simplen Geschichte wirklich eine Laufzeit von über zwei Stunden benötigt war, oder ob 90 Minuten nicht völlig gereicht hätten. Ohnehin ist Die Legende von Prinzessin Kaguya ein fantastischer Film. Mit den wohl schönsten Zeichnungen des Genres, die man erleben kann, erschafft Takahata eine inspirierende Geschichte. Die künstlerische Energie und die Sorge, mit der jedes Bild in diesem Film geschaffen wurde, ist begeisternd und sorgt dafür, dass jeder ihm zumindest mal eine Chance gibt.