29. September 2020

Das Ding aus einer anderen Welt (1982) – Review

Im Winter 1982 entdeckt ein zwölfköpfiges Wissenschaftlerteam in einer entlegenen Forschungsstation am Südpol einen Außerirdischen, der über 100.000 Jahre im Schnee begraben war. Als er aufgetaut ist, tritt der Alien in immer wieder neuer Gestalt auf, verbreitet Panik unter den Forschern und wird schließlich einer von ihnen.

John Carpenters Das Ding aus einer anderen Welt – im Original The Thing – wurde wie einige andere Titel seiner Filmographie nach seiner Veröffentlichung im Jahre 1982 immens negativ aufgenommen und zu seiner Zeit sogar als meistgehasster Film abgestempelt. Dies ist aufgrund seiner heutigen Reputation nicht nur undenkbar, sondern auch äußerst fragwürdig, denn inzwischen hat sich The Thing als Kulturgut des Horror-Genres manifestiert und wird als einer der großartigsten Horror- und Science-Fiction-Filme angesehen. Sein hohes Ansehen kann auch ich unterstützen, für mich persönlich ist The Thing nämlich der beste Horrorfilm aller Zeiten. Inwiefern er sich diesen anspruchsvollen Titel verdient, werde ich in dieser Kritik veranschaulichen.

Atmosphäre durch Optik und Akustik

Die Geschichte spielt in den verwehtesten und kältesten Tiefen der Antarktis und erzeugt von Beginn an ein unbehagliches und auswegloses Gefühl der Verlorenheit. Die ruhige Kamera erfasst die weißen Weiten um die verwilderte Forschungs-station mit frostigen, dunklen Shots und implementiert eine visuelle Chancenlosigkeit, die seine wenigen schützenden Räumlichkeiten umso klaustrophobischer auftreten lässt. Wie The Thing durch oftmals permanente Stille seine Atmosphäre ausbaut ist wahrlich meisterhaft. Abseits des prustenden Windes, der gegen die Außenwände pfeift suchen die Ohren vergeblich nach einer orientierungswürdigen Vorsehungsmöglichkeit, um gegen die zehrende Ungewissheit anzukämpfen, werden diesbezüglich jedoch ebenfalls in der Kälte zurückgelassen. Das bedachte Zusammenspiel von schier ereignislosen aber einen observierenden Bildern und stimmenlosem Setting treibt die Handlung immer wieder an erdrückende Momente, deren aggressiver Aspekt durch die Einleitung der Killeratmosphäre und den schleichenden Score noch stärker einschlägt.

Practical-Effects, die einen das wahre Fürchten lehren

Durch die hundertprozentige Nutzung handgemachter Effekte erfährt das gruselige Monster-Design optische Schrecken, die den Terror maximieren. The Thing hat reichlich Gore und sichtbare Mutationen zu teilen, ekelhafte und graphische Transformationen undefinierbarer Fleisch- und Organmassen zeichnen ein repulsives Paket verstörender Bilder und beweisen, dass greifbarer Terror den von computeranimierten Images – wie es im 2011er-Remake The Thing Verwendung gefunden hat – bei Weitem übertrifft. Trotz eines geringen Budgets von 15 Mio. Dollar schaffte Special-Effects- und Make-Up-Spezialist Rob Bottin mit einem Anteil von 1,5 Mio. Dollar Creature-Effects und Animatronics, die The Thing mit ihrem unvergleichbaren, anatomisch verquirlten Auftreten zu einer Ikone des Body-Horrors machten. Die Geschehnisse wirken durch das gekonnte Handwerk furchtbar realistisch und vermitteln schmerzhafte, bizarre und ekelerregende Eindrücke mit Bravour.

Der aufgetaute Fremdling

Der außerirdische Feind, der die Forschungsmitglieder terrorisiert und attackiert, entpuppt sich schnell als einer der erinnerungswürdigsten und furchteinflößendsten Antagonisten in der Geschichte des Horror-Genres. Der fremdartige Organismus fällt durch seine biologischen Charakteristiken und Verhaltenseigenschaften auf, welche dem Zuschauer lediglich durch den Verstand der Charaktere erschlossen werden, wodurch viel des feindlichen Mysteriums ungeklärt bleibt. Viele Gedanken und Theorien gehen an den Antagonisten verloren, wobei auch einige vereinzelte Plot-Points von The Thing noch nach dem Abspann große Rätsel aufwerfen. Das ständige Unwissen über potentielle Eigenschaften oder Fähigkeiten, die noch nicht zu sehen waren, kurbeln dabei besonders an den Erwartungen und ziehen allein durch die bloße Anwesenheit des Antagonisten eine hohe Spannung an. Das Ungeheuer verbreitet eine langsame Unberechenbarkeit, die ihn angsteinflößend und interessant zugleich gestaltet.

Eine makellose Darstellung höchsten Misstrauens

Warum ist The Thing aber neben allen gelungenen technischen Aspekten nun auch auf inhaltlicher Ebene ein Meisterwerk? Es ist die Intensität des Konflikts, wie diese aufrechterhalten, ausgebaut und auch entgegen mancher Erwartungen genutzt wird. The Thing erlangt durch sein brillantes Drehbuch eine filmische Spannung, die auch auf filmischer Seite vollends zündet. Die intensiven Dialoge und Konfrontationen illustrieren den plagenden Gedanken, dass dein Nebenmann bereits ein Monster sein könnte, auf höchsteffektive Weise. Wenn besagtes Monster dann aus dem Käfig bricht, erlangt der Film eine plötzliche Dynamik und verlangsamt den Konflikt zum richtigen Zeitpunkt wieder, um ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Aufbau und Action beizubehalten. Wirklich eindringlich bleibt aber die psychologische Komponente, die sich brillant auf die eigene Wahrnehmung transferieren lässt. Figuren wirken verdächtig, haben aber genauso gut das Recht andere zu verdächtigen. Es werden sekundenlange Bilder gezeigt, die entweder vollkommen unbedeutend und harmlos oder ausschlaggebend für eine Wendung oder das Schicksal aller sein kann.

Man fragt sich: Wer geht da? Ohne triftigen Grund kann niemand eine Idee zu Ende führen, da man sich nie sicher sein kann, wie der Nichtmensch hinter der Fassade es unterbringen und wieder für sich nutzen kann. Im Zweifel stimmt er sogar zu und daraufhin passiert etwas Schreckliches. Man fragt sich: Wer geht da? Obwohl man glaubt seinen nächsten zu kennen und gezwungen ist sich seiner Gegenwart auszuliefern, muss man ständig davon ausgehen, dass von seiner physischen Präsenz bereits Besitz ergriffen wurde. Die Situation wirft dein rationales Verhalten oft vor den Richter und verlangt eine produktive Reaktion auf unzählige verschiedene Möglichkeiten, wie es in Wahrheit um deine Zeitgenossen aussieht. Und wieder fragt man sich: Wer geht da?

The Thing gibt einen genauen Einblick in die Reaktionsweisen verschiedener Individuen auf eine derartige Situation.
Der sozialexperimentelle Zusatz von The Thing besticht mit einer ganz anderen Form von Spannung. Die Kombination aus filmischer und subjektiver Spannung, die ich immer wieder während des Schauens auf mich projizieren kann, bildet für mich die riesige Genialität, die hinter The Thing steckt. Und all das in nur sagenhaft kurzweiligen und unterhaltsamen 109 Minuten.

Fazit

Auf jeder Ebene ist John Carpenters The Thing ein Horror-Meisterwerk. Kamera und Sound-Editing erzeugen eine beklemmende Atmosphäre, die vom eindringlichen Score nochmal untermalt wird. Die konsequente Benutzung von Practical-Effects verspricht die perfekte Ausschöpfung seines furchteinflößenden Antagonisten und liefert handwerklich beeindruckenden Body-Horror, der vor Ekel- und Schockpotenzial glänzt. Die Spannung im antarktischen Setting erreicht mehr als nur einmal unerträgliche Höhepunkte und zeugt gleichzeitig von nachhaltigem Geschick, das komplette Szenario so geringfügig wie möglich zu erläutern. Die charismatischen Schauspieler verkörpern die Paranoia und Ungewissheit der Vorkommnisse auf einem derart hohen Niveau, dass selbige Paranoia und Ungewissheit auf den Zuschauer überspringt. Das Horrorszenario kommt vollkommen zur Geltung, dennoch findet man wenige Horrorszenarien, die derart vielsagend sind wie The Thing, ohne dabei ihren genrerelevanten Effekt zu verlieren. Ein Horrorfilm, der durch die substanzielle Vielschichtigkeit über die Konventionen eines Horrorfilms fesselt.

9.3

Dorians Wertung

10.0/10

Daniels Wertung

8.5/10
Dorian

Dorian

Dorian hat übrigens auch seinen eigenen Film-Podcast 'And In Case I Don't See'. Schaut auf Twitter bei @AndFilmpodcast vorbei!

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