SynopsisCrewDetails
Eine Frau bucht für ein Vorstellungsgespräch eine Wohnung in Detroit. Doch als sie spät nachts ankommt, sieht sie, dass das Haus doppelt belegt ist und ein fremder Mann bereits dort wohnt. Wider besseres Wissen beschließt sie, den Abend dort zu verbringen, stellt aber fest, dass es mehr zu befürchten gibt als nur einen unerwarteten Gast im Haus.
© TMDB
Regie: Zach Gregger
Drehbuch: Zach Gregger
Schnitt: Joe Murphy
Kamera: Zach Kuperstein
Schauspieler*innen: Georgina Campbell, Bill Skarsgård, Justin Long, Richard Brake
Produktionsjahr: 2022
Land: USA
Sprache: Englisch
Länge: 103min
Genre: Horror, Thriller

Wahrnehmungen können bekanntermaßen weit auseinander gehen und für hagelnde Kontroverse sorgen. Schon vor seinem weltweiten Release hat Barbarian dies aus erster Hand erfahren müssen und sich früh den Titel des Massenspalters verdient. Der Start ist stimmig und versteht das Horror-Genre besser als alles, was seit langem veröffentlicht worden ist. Allein die visuelle Vermarktung der zwickmühligen Immobilie breitet eine Atmosphäre aus, die in ihrer Anspannung gottgleich daherkommt. Die Kamera bleibt auf Distanz und lässt die beengten Räumlichkeiten einschüchternd und territorial erscheinen. Nicht wegen der Unannehmlichkeiten der Ausgangslage fühlt man das Unbehagen, es ist diese provokante Abwesenheit einer greifbaren Bedrohung.

Unbekannte Gefahren

Barbarian tut sich unsagbar gut darin, das Nichts als Gefahr zu tarnen. Angst wird einem aufgedrückt, welche allerdings keinerlei Ursprung genießt. Weder bedrohliche Persönlichkeiten noch auffällige Anomalien sammeln sich auf dem Bildschirm; es besteht in der Theorie kein Grund zur Sorge. Die ominöse, autonome Inszenierung sät Paranoia, der Verstand erledigt den Rest. Ganze 40 Minuten redet das Publikum sich schlimme Gedanken und Vermutungen ein. Das Resultat ist eine brutale Fata Morgana. Lobenswert ist die Andersartigkeit, Horror unscheinbar zu beleuchten und Mut zu äußern, den Erwartungen zu trotzen. Zwar gibt sich  Barbarian inhaltlich als solide produzierter Mainstream-Horrorfilm, die faszinierende Tonalität zieht einen aber in einen tiefen Abgrund und setzt sich hoch über Genre-Standards hinaus.

Nach diesem grandiosen Aufbau platzt die Bombe — nicht mal unbedingt im Negativen. Perspektivwechsel häufen sich, der Situation wird eine Geschichte zugetraut. Und ab hier muss die Frage gestellt werden: Benötigt jede Situation eine Geschichte? Barbarian bricht mit der eigenen Simpelheit, die ihm zu dem Effekt verholfen hat, welcher auf lange Zeit das Gruselmeisterwerk des Jahres verspricht. Der Terror des Filmes verläuft eine gute Weile ohne Konflikt — und es funktioniert tadellos! Plötzlich will Barbarian aber mehr sein, Kontexte herstellen und seinen eigenen Kosmos kreieren. Jene Entscheidung bringt das zu Fall, was auf edlen Schienen gefahren ist.

Wie ein Orkan durch das Kartenhaus

Niedergemacht, gar missverstanden wird die Anspruchslosigkeit der Story, denn bis dahin ist sie gekoppelt mit der dämonischen Präsentation die größte Stärke von Barbarian. Zuerst kippt die Tonalität des Szenarios schlichtweg leicht in eine differente Richtung; keineswegs ein automatischer Makel. Vielmehr zeigt sich erkenntlich, wie stark der Wechsel der Zentralfigur die Wirkung eines Filmes beeinflussen kann. Sympathie verwandelt sich zu Missgunst, Spannungsmomente werden zu slapstickhaften Humoreinlagen. Barbarian fällt qualitativ nicht ab, er schaut sich nur kurz anders. Interesse wird geschürt und stetig gefüttert, weil die Zuschauerschaft von dem packenden Klimax gebrandmarkt ist.

Deswegen lässt sich nach dem phänomenalen ersten Akt auch dem etwas befremdlichen zweiten einiges verzeihen, da man neben konsequenter Abneigung auch mit vorsichtiger Gewöhnung reagieren kann. Doch der dritte Akt versagt nicht einfach als Weiterführung seiner Stimmung und Storyline, er zieht den inszenatorischen Intellekt seines eigenen Universums in den Dreck. Individuen der Irrationalität zu bezichtigen, stellt sich immer als delikate Angelegenheit heraus und geht flott ins Anmaßende hinüber. Jedoch scheinen die Aktionen der Figuren mit voller Absicht der Glaubwürdigkeit der Handlung im Wege zu stehen. Barbarian wirkt wie eine Parodie seiner Selbst, jedoch sollte eine Parodie ein Bewusstsein dafür haben, auf welcher Grundlage sie karikiert. Inspirierend ist das Selbstbewusstsein schon, mit dem Zach Cregger sein eigenes Reich in Ungnade stürzt. Es scheint nur völlig unklar, warum er sich gezwungen sah, diese Alternative überhaupt auszuspielen.

Barbarian gibt im Finale keinen Deut auf Kredibilität oder Kontinuität und feuert blindlings mit dem hohlsten Plotting um sich, das man sich vorstellen kann. Hier ist es der Kontrast zum Rest, der keine positiven Randkommentare bewilligt und sämtliche Aufregung sowie Begeisterung durch Migräne ersetzt. Ein einladendes Werk mit verheißungsvoller Prämisse pendelt von brillanten Momenten tosenden Horrors zu strunzdummen Plänkeleien, welche traurigerweise nicht mal als solche gedacht sind. All dies klingt nun vernichtend behauptet — ohne Vorkenntnisse anhand von Szenenbeispielen, Dialogen, Handlungselementen oder auch nur dem Hauch einer Synopsis. Faule Geheimniskrämerei bildet nicht das Leitmotiv, sondern die dringende Empfehlung, den Informationsstand so gering wie möglich zu halten. Damit ist die Pointe in ihrer Einfachheit beinahe schon frech: Barbarian muss man selbst gesehen haben, um ihn zu glauben.

BARBARIAN IST SEIT DEM 28. DEZEMBER 2022 BEI DISNEY+ VERFÜGBAR

5.0
Punkte