Die 9-jährige Benni (Helena Zengel) weist extreme Verhaltensstörungen auf. Sie ist aggressiv, unberechenbar und einfach nicht erziehbar. Von einen auf den anderen Moment wird sie von einem zwar vulgären, aber liebenswerten Kind zum ausbrechenden Vulkan. Ihrer überforderten Mutter wurde sie vom Jugendamt entzogen, aus Sonderschulen fliegt sie ständig und kein Heim, keine Familie möchte sie dauerhaft bei sich aufnehmen. Keine Lösung, die die deutsche Kinderhilfe anbietet, funktioniert – Benni scheint einfach in kein System zu passen…

Das Phänomen des Systemsprengers gibt es wirklich. Sie sind Personen, auf die nichts von der Kinder-, Jugend- oder Behindertenhilfe passt, die sich schlicht nicht integrieren lassen und die deshalb zwischen den verschiedenen Hilfseinrichtungen hin- und hergereicht werden. Sie lassen unser Sozialsystem hilflos zurück. Über diese Hilflosigkeit und vor allem aber über das Leben einer Systemsprengerin spricht Nora Fingscheidt in ihrem ersten Langfilm. Eines lass dabei gleich gesagt sein – jeder sollte sich Systemsprenger ansehen, ob man von dem Phänomen vorher gehört hat oder nicht. Denn Fingscheidt stolziert problemlos über einen schmalen Grat, weder das Problem zu verharmlosen noch Benni als unerträgliche Hassfigur aufbauen zu müssen. Sie schafft es, beide Seiten – die des Kindes und die der Erzieher – mit der gleichen Sorgfalt und Empathie darzustellen. Ständig ist man als Zuschauer hin- und hergerissen, versteht Benni, die zwar Probleme hat, aber im Kern ein liebes Kind ist, dass einfach keine Chance nutzen kann, anzukommen, versteht aber auf der anderen Seite auch die für Benni Verantwortlichen, die das Mädchen immer wieder aus ihren Einrichtungen entlassen müssen, weil sie nicht mit ihr umzugehen wissen. Die Regisseurin bleibt dabei so nah an ihren Figuren, dass emotionale Szenen einen als Zuschauer nichts weniger als erschüttern, auflösen und mitnehmen.

© Port au Prince

Systemsprenger ist dabei kein Hollywood oder naives Hoffnungskino. Im Gegenteil, es ist Kino bitterer Realität. Es gibt kein Gut oder Böse, kein Richtig oder Falsch. Es werden die Probleme gezeigt, aber keine wirklichen Lösungen. Denn die gibt es (noch) nicht. Und ohne zu viel verraten zu wollen, wählt sie nicht mal am Ende den einfach Ausweg. Klingt hart. Ist es auch: Systemsprenger zu schauen sind keine einfachen zwei Stunden. Die ständigen Rückschläge, die die Figuren erleben, zehren an einem als Zuschauer. Selbst wenn es bergauf geht, wenn man denkt, es wird endlich eine andere Richtung eingeschlagen, in der Benni es schafft, ein stabiles Leben führen zu können, wirft Systemsprenger einen immer wieder zurück. Das lässt einen am Ende der zwei Stunden fast schon körperlich erschöpft fühlen. Das funktioniert, weil nicht nur das Drehbuch toll geschrieben ist (auch wenn es vielleicht zehn Minuten zu lang ist), sondern auch weil alle anderen Aspekte des Films das Gefühlskino so krass vermitteln. So ist Helena Zengel großartig als Benni. Sie setzt selbst in ihren wütendsten Szenen ihrer Figur immer die nötige Fragilität und Verzweiflung ein. Gerade für eine Elf-jährige beeindruckend. Und dann ist da der Schnitt, der in den richtigen Momenten künstlerischer zu werden weiß, der mit Farben und der Verbindung von Einstellungen viele Szenen zu einem einzigen visualisierten Gefühl macht.

Als Highlight des deutschen Kinos wuchtet sich Systemsprenger also weit vor alle leichten Komödien, die sonst so den Deutsch-Film-Alltag bestimmen. Ein grandioses Debüt einer Regisseurin, die nichts beschönigt, ganz nah heran geht, aber immer empathisch bleibt.

SEIT DEM 19. SEPTEMBER 2019 IN AUSGEWÄHLTEN DEUTSCHEN KINOS