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Nachdem er wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger zwölf Jahre im Gefängnis gesessen hat, wird Walter (Kevin Bacon) aus der Haft entlassen. Er kehrt in seine kleine Heimatstadt zurück, nimmt sich ein Apartment und findet einen Job in einem Sägewerk. Doch Walters düstere Vergangenheit lässt ihn nicht los. Vor allem der örtliche Polizei-Sergeant begegnet ihm mit offenem Hass.
Regie: Nicole Kassell
Drehbuch: Nicole Kassell, Steven Fechter
Kamera: Xavier Grobet
Schnitt: Lisa Fruchtman, Brian A. Kates
DarstellerInnen: Kevin Bacon, David Alan Grier, Kyra Sedgwick
Land: USA
Sprache: Englisch
Länge: 1h27min
Genre: Drama
Verfügbar auf:
– Sky Go / Sky Ticket

Für ihr Spielfilm-Regiedebüt wählte Nicole Kassell harten Stoff. The Woodsman ist nicht gerade das, was man unter lockerem Unterhaltungskino versteht. Die Geschichte um einen pädophilen Mann, der nach zwölf Jahren Gefängnis auf Bewährung freigelassen wird und einen Weg zurück ins normale Leben sucht, klingt bereits auf dem Papier alles andere als erheiternd. Ein indirektes Versprechen, an das sich The Woodsman auch prompt hält. Dennoch kommt The Woodsman nicht ganz den Erwartungen entgegen, mit denen man bei der Genre-Einteilung eines derartigen Inhalts in erster Linie rechnen würde. Man bekommt keinen nervenaufreibenden Thriller oder dynamischen Schocker. Es ist ein bierernstes, langsames und knallhartes Drama, das konsequent eine gewisse Kompromissbereitschaft vom Zuschauer verlangt.

Hauptcharakter Walter wird nämlich nicht als abartiges und grausames Monster dargestellt, sondern als menschliches Wesen, das selbst mit seiner krankhaften Veranlagung zu kämpfen hat. The Woodsman gibt einen tiefen Einblick in den Verstand dieser Person, zeigt dessen Licht- und Schattenseiten und zwingt einen sogar in gewissen Maßen mit diesem Menschen zu sympathisieren. Sollte man sich darauf nicht einlassen können, muss ich schon mal direkt die Warnung aussprechen, dass man zweimal über die Sichtung nachdenkt und den Film im Zweifel schlichtweg ignoriert. Wenn man sich allerdings darauf einlässt, bekommt man eine höchstinteressante und stark inszenierte Charakterstudie.

Zugpferd der ganzen Erzählung ist Kevin Bacon in der Hauptrolle. Sein Spiel ist großartig. Bacons Performance verleiht der Figur des Walter viele verschiedene Facetten zur gleichen Zeit. Man sieht eine Szene, in der er sich mit einem Mädchen im Park unterhält, und fühlt sich unbehaglich, erzürnt und angeekelt von seinem Auftreten, gleichzeitig aber auch durch die bittere Reue und den Schmerz in seinem Gesicht zu Mitgefühl gezwungen, während er selbst ebenfalls all diese Emotionen und Gedanken in seinen Augen trägt. Szenen dieser Art sind die größte Stärke von The Woodsman. Er zeichnet keine einseitige Zerlegung dieser Persönlichkeit, zeigt nicht mal mit dem Finger auf sie und verherrlicht sie genauso wenig. Der Film ist eine komplexe, reflexive und hervorragend ausgearbeitete Veranschaulichung des Daseins einer Person mit einer Störung dieser Form.

Und auch dieses Dasein des einzelnen wird von den verschiedensten Seiten beleuchtet und beweist, wie vielschichtig The Woodsman wirklich ist. Man hat die natürlich überwiegende Sichtweise von Walter selbst, wie er zu seiner Gedankenwelt steht und dies seinem zugewiesenen Psychologen zu schildern versucht, wodurch Walters mentale Gefühlswelt bezüglich seines eigenen Handelns komplett abgedeckt wird. Daneben finden sich aber noch Walters Schwager und Schwester, wo ersterer sich bemüht, seinen Angehörigen normal zu behandeln, während zweitere aus Angst um ihr eigenes Kind jeglichen Kontakt zu ihm völlig verweigert. Ein frustrierter und von “Menschen wie Walter” angewiderter Cop, der ihn prinzipiell verabscheut und nur darauf wartet, ihn bei einem Rückfall weg zu sperren. Leute bei seiner Arbeitsstelle, die ihn liebend gerne beim bloßen Anblick zu Brei schlagen würden und keinerlei Verständnis für ihn aufbringen können und wollen, wohingegen andere an eine zweite Chance glauben und ihm Rückhalt geben.

Und an einem bestimmten Punkt wagt The Woodsman sogar einen Blick auf das Thema durch die Augen eines Kindes. Sich einem Feld dieser Weite anzunehmen zeugt, wie ich finde, von großem Mut. Deswegen will ich hier einfach nochmal betonen, wie überragend The Woodsman es schafft, dieses Feld auf ein gesundes, komplett objektives Verhältnis zu bringen und dadurch erzählerisch und substanziell einen so starken Mehrwert zu generieren. Der einzige Makel an The Woodsman ist für mich die Einbindung eines krimiartigen Sub-Plots um einen gesuchten Kinderschänder, den Walter beobachtet. Letztendlich dient dieser Handlungsstrang auf inhaltlicher Basis zur Verstärkung der Selbstreflexion Walters und den unheimlichen Tiefen seiner eigenen Störung, rein inszenatorisch betrachtet wirkt dieser Part jedoch eher wie ein Ventil der Handlung eine filmische Spannung hinzuzufügen, die ich als etwas fehlplatziert erachte und der Dramaturgie immer mal wieder etwas ihrer Reichhaltigkeit entzieht.

The Woodsman ist eines der düstersten Dramen, die ich kenne. Nicole Kassel wusste genau, was sie mit ihrem Erstlingswerk tun wollte und hat dies auch großartig umgesetzt. Kevin Bacon ist hier in seiner höchstwahrscheinlich besten Rolle bis dato zu sehen. Das ist wirklich Acting auf hohem Niveau. Insbesondere die Szene, in der Walter seiner neuen Freundin Vicki nach ihrer mehrmaligen Nachfrage beichtet, was er getan hat, um in den Bau zu wandern, ist mir diesbezüglich hängen geblieben. Visuell wird eine passend triste und graue Stimmung vermittelt, die sich durch die komplette Laufzeit zieht. Ein Werk, das einen so schnell nicht loslässt.