30. Oktober 2020

Warum eine Verfilmung der “Gone”-Buchreihe unmöglich ist

Die Gone-Serie von Michael Grant umfasst meine absoluten Lieblingsbücher. Ich befinde mich momentan bei meinem vierten Durchgang der Original-Hexalogie und bin jedesmal gebannt. Gebannt von der breiten Palette verschiedener und einprägsamer Figuren, deren Beziehungen von Charakter zu Charakter spürbar individuell sind. Von der detailgetreuen Erzählung und einem fantasievollen World-Building. Und natürlich von der spannungsgeladenen Prämisse und die Ideen, die sich in jener tummeln. In den letzten Jahren habe ich meine Faszination etwas weitergetragen und mich gefragt, wie es um eine Filmadaption der Bücher stehen würde. Filmwürdig sind sie allemal, allerdings kam ich nach vehementer Überlegung auf die These, dass eine Verfilmung in einem der Bücher angemessenen Rahmen meiner Meinung nach nicht möglich ist. Wieso ich das glaube, versuche ich in diesem Artikel zu erklären.

Worum geht es in Gone?

Aber bevor es ans Eingemachte geht, erstmal die wichtigste Frage für diejenigen, denen die Bücher fremd sind: Worum geht es eigentlich in Gone? In einer Kleinstadt am Meer namens Perdido Beach verschwinden eines Tages plötzlich alle Menschen, die älter als 15 Jahre sind. Verängstigt vom Verschwinden der Erwachsenen müssen die verbliebenen Kids feststellen, dass ihre Stadt von einer undurchsichtigen Kuppel umschlossen worden ist, die sie vom Rest der Welt abschottet. Und als wäre das alles nicht schon sonderbar genug, entwickeln einige Kids innerhalb der Kuppel außergewöhnliche Kräfte. Gone erinnert auf den ersten Blick an ein Herr der Fliegen mit einem Science-Fiction-Kniff. Verwaiste Jugendliche sehen sich der Aufgabe entgegengestellt eine eigene, standhafte Zivilisation im höchsten Ausnahmezustand aufzubauen. Die sozial-experimentelle Herangehensweise eine derartige Ausgangssituation um Jugendliche zu mauern, ist keinesfalls etwas Neues oder Revolutionäres, das von Gone groß gemacht worden ist. Jedoch schafft es Michael Grant nicht nur durch seine Sci-Fi-Elemente eine Form der Eigenständigkeit zu erlangen, er zaubert eine unvorstellbare Mannigfaltigkeit in das Thema und entlockt dem Konflikt sein verstecktestes Potenzial.

Perdido Beach…?

Die beste Fiktion

Anfangen werde ich direkt mit einer hochgepokerten Stellungnahme, bei der mir die wenigsten zustimmen würden: Das Gone-Franchise ist für mich aus der kompletten Film-, Serien- und Bücherwelt die beste Fiktion überhaupt. Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr und auf welche verschiedene Weisen mich diese Geschichte einnimmt. Die Sorge um die Missachtung oder fehlerhafte Auslegung der Bücher kommt bei Fans quasi schon automatisch. Ein Buch hat unendlichen Raum, ein Film aber nur eine bestimmte Zeit. Das ist immer die offensichtlichste Schwierigkeit dabei, wenn man ein Buch zu einem Film tragen möchte. Es gab aber auch schon genug Beweise für gelungene Buchverfilmungen, die diese Sorge abschüttelten und somit zeigten, dass sie zwar berechtigt ist, aber nicht garantiert eintritt. Abhängen tut dies einerseits von der Kompetenz des Filmteams, andererseits und nicht weniger genauso vom Buch selbst. Wie inhaltsreich und umsetzbar die Geschichte ist, was alles in Einzelheiten stecken kann und wie sich diese visualisieren und erzählen lassen. Und Gone ist als Buch in diesen Eigenschaften ein Fall, der bei mir sämtliche Hoffnungen auf eine gelungene Buchverfilmung blockiert.

Die inhaltliche Breite

Zuerst muss man sich hier vor Augen führen, was Michael Grant alles an Themen und Ideen in dieser Prämisse untergebracht hat. Gone befasst sich als erster Teil mit dem Konzept, der Einführung der Welt und der Charaktere. In den Fortsetzungen wird es dann schon wesentlich ausufernder. Diese haben jeweils auf Basis der Welt einen großen Hauptkonflikt, in dem dann viele, unter anderem auch wiederkehrende Elemente zusammenlaufen. In Hunger kommt eine Hungersnot auf und zwingt die Kids, ihre eigene Versorgung durch Nahrungsmittel in die Wege zu leiten. In Lies eskaliert eine Rivalität zwischen Kids mit und Kids ohne Kräften, die wie eine metaphorische Darstellung zum Thema Rassismus auftritt. Plague handelt von einer aus dem Nichts auftauchenden Epidemie, die einer Grippe-Erscheinung gleichkommt, und der Reaktion der Kids, wie man sich gegen einen tödlichen Virus verteidigen kann. In Fear wird den Kids durch die Verdunkelung der Kuppel eines der wenigen Dinge genommen, die noch ein Gefühl von Sicherheit suggeriert hat, nämlich das Tageslicht. Was der finale Teil der Reihe, Light, umfasst, werde ich jetzt nicht erwähnen, um vieles für Interessenten der Bücher, die sich der Reihe unvoreingenommen annehmen wollen, offen zu lassen.

Was nun die Aufzählung dieser Aspekte in Bezug auf diesen Text zu bedeuten hat, kann man da vielleicht schon erahnen. Grant verwendet in allen Büchern einen übergeordneten Konfliktstarter und verteilt darunter viele Unterthemen. Anfangen tut das bereits im ersten Teil, der nicht so simpel gestrickt ist, wie man vielleicht glauben mag. Die Verstrickungen der angesprochenen und gezeigten Themen, wie sich vieles in der Charakterzeichnung widerspiegelt und der Effekt für den weiteren Verlauf der Storyline ist beeindruckend und fantastisch ausgearbeitet. Das ist der größte Punkt, an dem eine Filmadaption scheitern könnte. Meiner Ansicht nach wäre es nicht machbar, die Eigenschaften der Bücher wiederzugeben, ohne unvollständig oder oberflächlich zu wirken. Dafür gibt es zu viele großartige, ausschlaggebende Einzelheiten, mit deren Einbindung allein die Verfilmung des ersten Buches grob geschätzt 15 Stunden lang sein müsste. Auch die Option ein Franchise mit mehr als sechs Teilen anzuzielen, um alles unter eine Decke zu kriegen, wäre auf lange Sicht zu unsicher. Für mich waren die Inhalte von Gone und Nachfolgern schon immer länger, als die geschriebenen Texte selbst. Es sind so viele Stories in einer. Dieses komplette Gesamtbild, das ich von der Buchreihe habe, sehe ich auf der Leinwand einfach nicht.

Die Figuren

Im vorigen Abteil schon kurz angesprochen, aber ich möchte nochmal etwas mehr auf die Figuren der Bücher eingehen. Diese sind charismatisch, haben völlig verschiedene Persönlichkeiten und steigen von Band zu Band in der Anzahl. Grant nimmt bei diesen klar definierte Charakterzüge, Motivationen und Vertiefungen vor, die einen regelrecht in die Gedanken- und Gefühlswelt eintauchen lassen. Es gibt Charaktere, für die manche Regisseure einen kompletten Film opfern. Beispielsweise Dan Gilroys Nightcrawler, der sich komplett auf die Hauptfigur Louis Bloom fokussiert und ein exzellentes Bild dieser Person und der Umgebung, in der er lebt, gibt. Dann gibt es Filme wie Inception, die keine besondere Vertiefung in gewisse Charaktere legen, jedoch für jene ein derart ausdrucksstarkes Charisma aufbauen, dass sich die geringe Tiefe relativiert.

Bei Gone befände man sich hier in einer Zwickmühle. Dem kompletten Raster von Figuren die Persönlichkeit zu erarbeiten, die sie in den Büchern haben, ist zeitlich nicht anwendbar. Dafür sind es zu viele Individuen mit zu vielen Charaktereigenschaften. Versucht man es grobmotorisch, könnten sie schnell auf ihre Superkräfte degradiert werden und vollkommen ausdruckslos auftreten. Legt man die Charaktere vielleicht sogar anders aus, kämpft man sofort gegen den Kritikpunkt an, dass Buch und Film weniger gemein haben. Bestimmt ließen sich passende und fähige Schauspieler finden, die die Charaktere porträtieren könnten, aber was sie nicht können, ist jede Komponente zu kaschieren, die das Drehbuch nicht umsetzen kann. Bei den Figuren könnte in einer Filmversion alles verlorengehen, das sie ausmacht.

So könnten die wichtigsten Gone-Charaktere aussehen ©Renee Solis

Pseudonyme in der Filmwelt

Es gibt inzwischen schon einige Filme, deren Parallelen zu Gone für mich nicht zu übersehen sind. Erstes und offensichtlichstes Beispiel vom gesamten Auftreten ist I Am Number Four. Ebenfalls basierend auf einem Buch, dessen Verfilmung nicht gerade positiv aufgenommen wurde. Auch ohne das Buch zu kennen, lassen sich I Am Number Four einige Schwächen ansehen. Es handelt von Teenagern mit ungewöhnlichen Kräften und der Jagd auf diese. So super spannend das auch klingt, macht der Film einfach nichts aus seiner Prämisse. Er ist teils Science-Fiction, teils Thriller, aber größtenteils Romanze. Der Film ist meines Erachtens nach nicht grottenschlecht, er implementiert jedoch eine aufgrund der Ähnlichkeit verspürte Furcht, was eine Verfilmung von Gone werden könnte: Eine zahnlose Erzählung von generisch attraktiven Teenagern mit einem Sci-Fi-Element als Pep. Weitere Beispiele mit einem ähnlichen Hintergrund wären The Darkest Minds oder Die 5. Welle. Filme dieser Art tappen gefühlt immer wieder in dieselbe Falle und verlieren trotz ihrer Grundintentionen und Ansätze jeglichen Reiz. In meinen Augen sind Science-Fiction-Filme mit Teenagern schon irgendwo ein eigenes Phänomen, da sich einer wie der andere anschauen lässt. Und davor graust es mir ganz besonders. Im Zweifel hat man Filme, wie Gone einer werden könnte, bereits zigmal gesehen, was jede Aufmerksamkeit für den Film auflösen würde.

Schlusswort

Natürlich wünsche ich mir schon seit meiner ersten Lesung eine Verfilmung des Stoffes. Ich glaube nur, dass es hier tatsächlich nicht in der Form umsetzbar wäre, wie es meinen Vorstellungen entspricht. Vielleicht liege ich mit meinen Punkten auch komplett falsch und interpretiere zu viel in den Prozess. Man hat es schließlich mit zum Beispiel Der Herr der Ringe auch geschafft, beliebte und volle Bücher in ein genauso populäres Filmerlebnis zu verwandeln. In dem Sinne will ich nochmal an den Leser appellieren, dass dieser Text lediglich meine eigene Einschätzung beinhaltet, mit der man keineswegs übereinstimmen muss. Erst vor wenigen Tagen erfuhr ich, dass Michael Grant eine weitere Trilogie geschrieben hat, die nach dem Ende des sechsten Bandes spielt. Für mich als Liebhaber seiner Werke, ist das ein ganz klares Must-Read. Eine Empfehlungsaussprechung der Bücher ist wohl unerheblich, wenn man meine Lobpreisungen des Textes betrachtet.


Habt ihr die Bücher der “Gone”-Reihe gelesen? Falls ja, wie findet ihr sie? Seht ihr es ähnlich wie ich oder komplett anders? Und wie steht ihr zu einer Verfilmung der Bücher? Könnt ihr einigen der hier aufgeführten Bedenken folgen oder bin ich zu skeptisch?

Dorian

Dorian

Dorian hat übrigens auch seinen eigenen Film-Podcast 'And In Case I Don't See'. Schaut auf Twitter bei @AndFilmpodcast vorbei!

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