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In der 1992er Dracula-Literaturverfilmung des Regisseurs Francis Ford Coppola reist der britische Immobilienmakler Jonathan Harker nach Transsilvanien, um dort dem Grafen Dracula bei einem Häuserkauf behilflich zu sein. Doch der Aufenthalt verläuft nicht wie geplant: Dracula ist ein Jahrhunderte alter Vampir und reist ohne Harker nach London, um dessen Geliebte zu verführen. Die Jagd nach dem Vampir und ein Spiel gegen die Zeit beginnen.
Regie: Francis Ford Coppola
Drehbuch: James V. Hart, Bram Stoker (als Buchautor)
Schnitt: Glen Scantlebury, Anne Goursaud, Nicholas C. Smith
Kamera: Michael Ballhaus
Schauspieler*innen: Gary Oldman, Winona Ryder, Anthony Hopkins, Keanu Reeves
Land: USA
Sprache: Englisch
Länge: 2h35min
Genre: Horror, Romance, Vampire

Dracula. Jeder hat den Namen des berüchtigtsten Vampirs schonmal vernommen. 1897 wurde die Figur des Grafen und Blutsaugers vom Autor Bram Stoker ins Leben der Horrorliteratur gerufen und Adaptionen in jeglichen Formen ließen nicht lange auf sich warten. Theaterstücke, Filme, Fernsehserien, Radiosendungen – der Vampir ist mittlerweile überall durchgereicht worden. 

Fast ein Jahrhundert nach der Veröffentlichung des Romans versucht sich nach zahlreichen Verfilmungen derRegisseur von Filmklassikern wie Der Pate oder Apocalypse Now, Francis Ford Coppola, am damals schon ausgesaugten Stoff. Ein weiteres Mal wird eine Inkarnation des Vampirs auf die Leinwand losgelassen. Aber warum wird Coppolas Verfilmung kaum zu seinen besten Filmen gezählt?

Aquarellbilder verzieren die düstere Landschaft der Karpaten, während Jonathan Harker (Keanu Reeves) seine Reise fortsetzt. Aus der Kutsche filmt die Kamera durch die Fensterscheibe den tiefblauen Horizont. Langsam – kaum merklich – erscheint ein Augenpaar im wolkenlosen Himmel. Harker wird bereits vor seiner Ankunft beobachtet. Von seinem Klienten, dem Grafen Dracula. 

Das ist nur eine von etlichen Spielereien, die Coppola in seine adaptierte Erzählung einbettet, um das Übernatürliche der Kreatur, ohne ein Wort darüber verlieren zu müssen, zu offenbaren. Gesehen haben die Zuschauer:innen Dracula zu dem Zeitpunkt nur im tragischen Prolog, bevor er als Vampir in Erscheinung tritt. 

Jetzt, bei Harkers Eintreffen, zeigt sich die Gestalt der blutbegehrenden Kreatur. Knochige Hände, eine voluminös ergraute Haarpracht und ein von Falten zerfurchtes Gesicht werden in der ersten Einstellung eingefangen. Die Maskenbildner haben sich ordentlich ins Zeug gelegt, denn der Darsteller Gary Oldman ist kaum noch wiederzuerkennen. Außer seiner riesigen Statur und seinem blutroten Gewand, das er meterlang hinter sich her schleift, wirkt er unscheinbar und in die Jahre gekommen. Ein Irrtum, das sich bereits in den Gemäuern des Burgschlosses offenbart.

Coppola meistert es wie kein anderer Regisseur vor ihm, ikonische Einstellungen zu zitieren und sie mit filmtechnischen Tricks auf einen neuen Standard zu heben. Ersichtlich wird dieser Aspekt gerade am Schatten Draculas, der ein reges Eigenleben führt, Harker sogar in einer Szene imaginär per Gestik zu erdrosseln versucht. Hier besinnt sich Coppola zurück auf die erste Filmadaption Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens, verbeugt sich vor ihr und schmückt sie mit aufwendigeren Kulissen und gespenstischer Farbgestaltung. Beides kombiniert mit den gemalten Hintergrundkulissen, kreiert diese künstlerische Dreifaltigkeit des Films eine Atmosphäre, die das Schauermärchen perfekt präsentiert. 

Erdrückend sind so die meisten Innenräume, trist die in Dunkelheit heimgesuchten Regennächte. Die romantreue Melodramatik ließ sich mit ein paar dramaturgischen Anpassungen weitestgehend in die Adaption übertragen. Der seuchenverbreitende Vampir aus Murnaus Verfilmung 1922 war einmal. Tragisch wird Dracula von Coppola inszeniert. Als Jahrhunderte nicht mehr geliebte Kreatur, dessen Bedürfnis nach Liebe durch Mina entflammt. Jeder Preis für ihre Zuneigung ist Dracula recht. 

Auch wenn die romantischen Dialoge zwischen Dracula und Mina (Winona Ryder) vor Schmalz triefen, so kann das Schauspiel der beiden die allermeiste Zeit über diesen Umstand hinwegtrösten. Oldman und Ryder brillieren in ihren gemeinsamen Szenen somit trotz des melodramatischen Untertons, was auch auf den Rest der Besetzung zutrifft. 

Ins Auge fällt Coppolas Genie besonders in einer Szene, welche eine Relation zwischen Dracula und dem Medium Film selbst herstellt. Der Roman und das Aufkommen von bewegten Bildern, wie wir sie heute kennen, sind zufälligerweise fast zur selben Zeit entstanden. Wahrscheinlich lässt Coppola deswegen in seiner Verfilmung den neugierigen Vampir mit Mina ein Lichtspielhaus aufsuchen, um dort der Vorstellung eines Kinematographen beizuwohnen, einer der ersten Projektionstechniken für Filmstreifen. 

Während Mina noch über das Medium in der Aufführung spottet, so wird durch die Ironie Coppolas Vorhaben überdeutlich: Dracula war schon immer wie für das Kino gemacht und erreicht hier seine absolute Form. Nie war er besser, präziser und vollkommener in Erscheinung getreten. Einen Platz hinter Der Pate und Apocalypse Now hat sich Bram Stokers Dracula somit mehr als verdient. Dass der Film nicht Coppolas bester ist und nicht im gleichen Atemzug mit seinen makellosen Filmwerken genannt wird, zeigt nur, wie hoch die Messlatte wirklich hängt. 

Trotz sämtlicher Literaturverfilmungen von Dracula haucht Coppola mit seiner Vision dem Grafen verschollen geglaubtes Leben ein. Die überzogene Melodramatik ist es, die den Film in seiner Handlung in wenigen Szenen leicht ausbremst. Doch die optische Pracht bleibt zu jeder Sekunde bestehen dank wundervollstem Set-Design sowie filmtechnischen Spielereien. Zudem wartet Gary Oldman mit einer Darstellung auf, welche der ikonischen von vorherigen Verkörperungen Draculas in nichts nachsteht. 

9.0
Punkte