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Bei einer Aktion militanter Tierschützer wird in London ein tödlicher, sich rasend schnell verbreitender Virus freigesetzt, der friedliche Menschen innerhalb von Sekunden in mörderische Bestien verwandelt. 28 Tage nach der Katastrophe machen sich vier Überlebende auf den Weg nach Manchester, wo eine kleine Armee-Einheit angeblich Herr der Lage sein soll. Auf der Militärbasis angekommen, müssen Jim, Selina, Hannah und Frank erkennen, dass das Schlimmste erst noch vor ihnen liegt.
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Alex Garland
Schnitt: Chris Gill
Kamera: Anthony Dod Mantle
Schauspieler*innen: Cillian Murphy, Naomie Harris, Brendan Gleeson
Land: Großbritannien
Sprache: Englisch
Länge: 1h53min
Genre: Zombie, Thriller

Was braucht es, dass rational denkende Organismen zu Bestien werden? Wann schaltet sich der gesunde Menschenverstand ab und wird durch rudimentäre und primitive Triebe ersetzt? Wie viel Hass ist nötig, um einander Unvorstellbares anzutun? Diese Fragen könnten bei den ersten Bildern, welche in 28 Days Later gezeigt werden, aufkommen und im Fortlauf des Plots als grundlegende Metapher auf das Geschehen übertragen werden.

Nur 28 Tage nach dem Ausbruch eines infektiösen Virus, das seinen Wirt binnen Sekundenschnelle in ein rasendes Tier verwandelt, erwacht der junge Fahrradkurier Jim (Cillian Murphy) nach einem komatösen Zustand in einem augenscheinlich von einem Orkan durchwüteten Hospital. Die sonst so sterilen, aufgeräumten und von unter Stress stehendem Personal befüllten Gänge sind in ihrer bekannten Form nicht wiederzuerkennen. Demoliert, unordentlich und ganz und gar menschenleer. Auch beim Betreten der Londoner Außenwelt bleibt Jim der Kontakt mit anderen Menschen verwehrt. Die Straßen sind wie leer gefegt. Welchen Ursprung die aktuell vorzufindende Situation hat, soll Jim jedoch erst zu gegebener Zeit erfahren, dafür aber hautnah. Die Angst des Alleinseins wird rapide von einer neuen Angst abgelöst.

Dass der Regisseur selbst behauptet, sein Werk ließe sich nicht im Subgenre des Zombiefilms einordnen, sorgt seit jeher für eine ellenlange Diskussion unterhalb der Zuschauerschaft. Einerseits sind die Charakteristika dessen, was damals als Zombiefilm über die Kinoleinwand lief, auch in 28 Days Later vorzufinden. Andererseits lassen sich die Infizierten jedoch nicht – und das obwohl sämtliche Eigenschaften und Verhaltensmuster gegeben sind – als das bezeichnen, was der eigentlichen Definition eines Zombies entspricht. Die blutrünstigen Horden sind nämlich eben genau das: Infizierte. Deswegen rühmte sich 28 Days Later früh mit dem Ruf, sich nicht in das Genre einzufügen, sondern es neu zu definieren. Man sprach und spricht auch heute noch von einer wegweisenden Revolution des Zombiefilms.

Danny Boyles Vision einer Epidemie, dessen Betroffene zwischen den unkontrollierbaren, kannibalistischen Tötungsmaschinen um ihre Existenz bangen müssen, ist stets dreckig und pessimistisch. Die politische Wehrmacht versagt. Die sozialen Medien schalten sich aus. Der Alltag lässt sich im herkömmlichen Rahmen nicht mehr bewältigen. Das System bricht in sich zusammen. In nicht mal einem Monat wird England zu einem anarchistischen Ödland ohne Aussichten auf eine Besserung geschweige denn eine Zukunft degradiert. Wo viele an der Stelle aber die Erwartung pflegen könnten, dass allein die dort umherstreifenden Kreaturen für dieses andauernde Schicksal verantwortlich sind und 28 Days Later lediglich ein typischer Survival-Horrorfilm im Verhältnis seines Konfliktes ist, werden sie recht bald von einer völlig anderen Herangehensweise überrascht.

Vielmehr konzentriert sich der Film in seinem Horroraspekt auf den Einfluss der Umstände auf das Individuum. Etwas wie gesellschaftliche Regeln und Gesetze oder ethische Normen starben bereits am ersten Tag der Verbreitung mit den ersten Opfern, während das Chaos leise aber nicht schleichend obsiegte. Ohne aufwendige Action oder Non-Stop-Konfrontationen mit den jagenden Massen beleuchtet der Film humanitäres Verhalten innerhalb einer Krisensituation, die von nichts außer affektiven Gedanken, die zu nachhaltigen Strategien gedeihen sollen, zusammengehalten wird. Es sind hier nicht nur die Infizierten, die unsere Überlebenden terrorisieren. Überwiegend sind es die Überlebenden selbst.

Umso schauderhafter wird es bei den Begegnungen mit den feindseligen Wesen. Dadurch, dass der Kampf gegen die Infizierten nie wahrlich im Vordergrund stehen möchte, bekommen die Szenen mit ihnen ein viel größeres Gewicht. Gerade in der Art und Weise, wie der Film sie ankündigt und inszeniert, stellen sie zu jeder Zeit eine immense Bedrohung dar. Aufregende Verfolgungsjagden, enge Sackgassen und der Fakt, immer nur im einstelligen Bereich zählbare Schritte von ihnen entfernt zu sein, treibt den Adrenalinpegel auf die Spitze. Nicht weniger angespannt sind jene Momente, in denen man gerade keinen Infizierten an den Fersen hat, da die Ausstrahlung ihrer Gegenwart omnipräsent bleibt. Die Ruhe vor dem Sturm zeichnet oftmals unerwarteterweise die schmerzhafteste Tortur. Durch die konsequent packende Atmosphäre und bis auf wenige Momente triste und bierernste Tonalität des Filmes, baut 28 Days Later schier endlos wirkende Spannung auf.

Ein durch und durch genialer Ansatz, Horror in Szene zu setzen und auf das Publikum zu entfesseln. Und so selten der Film dann mit Jumpscares arbeitet, fetzen jene im Gegenzug dann auch so richtig. Bei vereinzelten Szenen muss man schon gegen den Drang ankämpfen, nicht doch mal einen Moment den Pause-Knopf zu betätigen und das Ganze etwas sacken zu lassen. Ein Drang, der insbesondere vom gnadenlosen Sound-Design verstärkt wird. Das Echo eines klappernden Einkaufswagens und dessen Auswirkung auf die gottlose Stimmung, welche sonst von peinigender Stille durchzogen ist, entsendet einen bleischweren Impuls. In punkto Aufbau von Atmosphäre und Spannungsmomenten errichtet sich 28 Days Later einen wahren Thronplatz in der Liga des Vermittelns von Angst.

Aufgebauscht wird das Polster besagten Platzes von einer äußerst zufriedenstellenden Charakterarbeit. Dem Drehbuch scheint sichtbar etwas an seinen Figuren zu liegen und veranlasst sich selbst dazu, diesen Raum zur Entfaltung und für zwischenmenschliche Dialoge und Interaktionen zu geben. Getragen werden diese Charaktere von einigen namhaften Darstellern, die ihre Rollen und deren missliche Lage wunderbar verkörpern. Durch die selbstbewusste Regieführung und das authentische Schauspiel appelliert der Film an die Empathie der ZuschauerInnen, wobei eine Möglichkeit dazu aufgetan wird nachzuempfinden, wie man selbst in einer solchen Situation fühlen und letztendlich handeln würde. Dadurch wirken einige fragwürdige Entscheidungen der Figuren nicht ausschließlich als konfus und geben Anlass mit den Augen zu rollen, sondern konfrontieren einen als nachvollziehbare und einfach menschliche Fehler.

Der polarisierendste Aspekt des Filmes findet sich in seiner Visualisierung wieder. Durchgehend wird der Film mit einer vollkommen körnigen Optik dokumentarisch stilisiert und zweckentfremdet in vielerlei Hinsicht seine idyllischen Schauplätze. Es ist ein Stil, der einerseits makellos zum Inhalt passt und an dem man sich keineswegs stören muss. Der Film erzeugt nämlich durch eben diesen dokumentarischen Touch einen direkten Zugang zum Geschehen, was dieses umso furchteinflößender macht. Des Weiteren wartet er mit einigen wirklich einzigartigen und ästhetischen Bildern auf, die dem schroffen Handheld-Look zu verdanken sind. Um eine Apokalypse epischen Ausmaßes zu kreieren, braucht es nicht unbedingt teure Computereffekte und ein dickes Budget im großen Stil, wie es beispielsweise ein World War Z bewerkstelligt.

28 Days Later behält auch im optischen Sinne eine unnachahmliche Bodenständigkeit bei. Und dennoch hat man bei der gewählten Qualität riskiert, einen so wahrlich auf audiovisueller Ebene zu bewegen und zu beeindrucken. Von der zwiespältig ansehnlichen Optik abgesehen, stimmt hier nichtsdestotrotz alles. Der Horror, das Drama, die Atmosphäre, der brillante Score, einfach alles. Danny Boyle manifestierte mit einem Fremdkörper innerhalb einer Filmrichtung einen der besten Vertreter eines Subgenres, das durch ihn zu alter und neuer Klasse zurückfand.

9.0
Score