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Martha (Vanessa Kirby) hat mit einem untröstlichen Verlust zu kämpfen, denn ihre Tochter stirbt während der Geburt. Von Trauer überwältigt, entspinnt sich eine menschliche Einsamkeit zwischen ihr, ihrem Ehemann Sean (Shia LaBeouf) und ihrer Mutter Elizabeth (Ellen Burstyn)…
Regie: Kornél Mundruczó
Drehbuch: Kata Wéber
Schnitt: Dávid Jancsó
DarstellerInnen: Vanessa Kirby, Shia LaBeouf, Ellen Burstyn
Land: USA
Sprache: Englisch
Länge: 2h8min
Genre: Drama

Wann droht Trauer Menschen zu ersticken? Wie sehr belastet der Verlust eines Kindes die eigene Psyche? Und was kann unternommen werden, um mit so einem gravierenden Einschnitt in das Familienleben zurechtzukommen? Pieces of a Woman ist Regisseur Kornél Mundruczós Orchester über inneren Schmerz. Unglücklicherweise stellt er sich damit selbst ein Bein.

Die Gedanken oder Verfassungen der Psyche von Figuren in einen Film zu integrieren, das haben schon viele Filmgrößen versucht und sind meist kläglich mit ihrem Vorhaben gescheitert. Joker von 2019 ist ein sehr prominentes Beispiel für jene Fehltritte, die sich auch in Pieces of a Woman eingeschlichen haben. Aber worin liegt die Schwierigkeit?

Da Filme logischerweise ohne Bilder nicht existieren, somit unwiderruflich mit ihnen verschmelzen, braucht es eine riesige Portion Bildsprache. Nur wie lassen sich Entwicklungen darstellen, die im Inneren einer Figur stattfinden, in ihrem Kopf oder ihrer Seele? Dafür benötigt es sichtbare Metaphern, die einen Zusammenhang zwischen der Figur und ihrer Psyche herstellen. Wenn der Film seinen Kern eben auf die innere Verfassung seiner Charaktere setzt, braucht es umso mehr davon, das hat schon einer der ersten Filmphilosophen, Siegfried Kracauer, in seinem Buch Theorie des Films dargelegt.

Jenes hat auch Mundruczó erkannt und setzt nach den ersten dreißig Minuten die von zerfressender Trauer überwältigten Charaktere – allen voran Martha – in den Kontrast ihrer riesig anmutenden Wohnung. Verloren, teils winzig wirken sie in ihren eigenen vier Wänden, während die Kamera in mehreren Szenen ohne Schnitt die Darsteller praktisch schwerelos begleitet. Wir sehen, wie Martha und Sean – obwohl sie in denselben Räumen wohnen, allein mit ihren Schmerzen sind. Einsamkeit ist die Folge. Sie isolieren sich zunehmend voneinander. Die Metapher funktioniert. Allerdings nur in der ersten Hälfte, denn Mundruczó vergisst zunehmend, aus dem Skript von Kata Wéber mehr herauszukitzeln. Es bleibt für die gesamte Laufzeit bei exakt dieser einen Bildsprache. Mundruczó und Webér, die selbst eine missglückte Schwangerschaft erlitten, opfern eine filmgerechte Dramaturgie für die Visualisierung ihrer Trauerbekämpfung und Einsamkeit.

Zu Anfang noch beeindruckend, nutzt sich die Art der Perspektive und Kameraarbeit beim Voranschreiten der Erzählung immer mehr ab, bis zu dem Punkt, an dem Figuren aus heiterem Himmel ambivalente Entscheidungen treffen, welche durch die fehlenden Elemente in der Bildsprache nicht glaubwürdig erscheinen. So fällt der Film mit jeder zunehmenden Minute auseinander. Mundruczó reduziert die Charakterisierung seiner Figuren auf das Minimum, mehr als zwei Eigenschaften vereint hier kein Schauspieler in seiner physischen Darstellung, dafür sind die Charaktere auf dem Papier zu primitiv verfasst, obgleich sie in der fertigen Kameraeinstellung komplex wirken sollen.

Weil mehr als zwei Eigenschaften nicht im Schauspiel unterzubringen waren, wird der gesamte Rest ausgesprochen. Dialoge sollen genau dort weiterhelfen, wo die Kamera versagt – also sehr häufig. Diese sind oftmals energiegeladen und können fesseln, aber ein kausaler Zusammenhang zwischen den anfänglichen Wesenszügen der Figuren besteht kaum bis gar nicht. Sean wird so innerhalb weniger Wochen vom fürsorglichen Vorzeigeehemann zum Fremdgeher. Wie es dazu kommt, darauf werden die ZuschauerInnen nicht zur Genüge vorbereitet – nur, dass es jetzt so ist, wie es ist. Ein zielgerichteter Aufbau fehlt.

Es reichen ebenfalls keine fünfzehn Minuten zwischen Sean und Elizabeth, damit Elizabeth Sean später eine horrende Summe zusteckt und dieser obendrein sofort einwilligt, die Familie und somit seine Ehefrau für immer zu verlassen. Schwarz/Weiß-Malerei ohne nachvollziehbaren Aufbau par excellence also. Bei so einem Thema ist das sehr enttäuschend. Die Figuren verkommen durch solch eine Schreibweise rasant zu plakativen Hüllen, das Menschliche geht ihnen komplett verloren. Dabei möchte Pieces of a Woman genau das, menschlich sein. Dass Martha ihre Erlösung letztendlich dann ausgerechnet vor Gericht findet, sich vorher von ihrer gehassten Rabenmutter dazu überreden und belehren lässt – ihren Kummer eigentlich nur ihretwegen überwindet – stellt den Höhepunkt jenes Fehltrittes dar. Weshalb Martha erst kurz vor der Urteilsverkündung im Gerichtssaal ihre Meinung vertritt und sie nicht schon viel früher äußert, bleibt bis in die letzte Sekunde eines: schlechtes Drehbuchschreiben.

Bedauerlicherweise kann das grandiose Schauspiel Vanessa Kirbys, Shia LaBeoufs oder Ellen Burstyns die großen Drehbuchschwächen nicht zu einer zufriedenstellenden Gänze ausgleichen und nur zu Beginn zu Tränen rühren. Webérs ambivalente Figuren formen sich wegen der fehlenden, visuell effektiven Erzählweise zu einer plakativen Masse voller Ungereimtheiten. Auf die oben gestellten Fragen kennt Pieces of a Woman keine neuen Antworten. Zudem werden die ZuschauerInnen am Ende mit einer Erkenntnis zurückgelassen, welche schon in der ersten Hälfte des Films ohne Probleme hätte geäußert werden können.

5.0
Score