SynopsisCrewDetails
Nick Bannister lebt an der durch den steigenden Meeresspiegel überfluteten Küste von Miami. Das Spezialgebiet des Privatdetektivs ist der menschliche Verstand: Seinen Auftraggebern hilft er dabei, in die dunkelsten Winkel ihres eigenen Geistes vorzudringen und dort Zugang zu verschütteten Erinnerungen zu finden. Bannisters Leben verändert sich radikal, als mit Mae eine neue Klientin auftaucht. Aus einem einfachen Auftrag entwickelt sich eine gefährliche Besessenheit. Während er versucht, die Wahrheit über Maes Verschwinden herauszufinden, deckt Bannister eine brutale Verschwörung auf. Am Ende muss er sich die Frage stellen: Wie weit kann man gehen, um die Menschen, die man liebt, zu halten?
Regie: Lisa Joy
Drehbuch: Lisa Joy
Schnitt: Mark Yoshikawa
Kamera: Paul Cameron
Darsteller*innen: Hugh Jackman, Rebecca Ferguson, Thandiwe Newton
Produktionsjahr: 2021
Land: USA
Sprache: Englisch
Länge: 1h56min
Genre: Sci-Fi, Mystery, Crime, Romance

Die Kraft der Erinnerung ist tückisch. Wunderschön und einfühlsam, gleichzeitig aber auch empathielos und krankhaft realistisch. Die transferierte Emotionswoge einer Erinnerung an die guten und schlechten Tage von damals kann einen von innen auffressen, besonders wenn die guten Tage den schlechten gewichen sind und man sich den vergangenen Zustand besserer Zeiten mit tiefster Inbrunst herbeisehnt. So verhält sich der Alltag im Business von Nicolas “Nick” Bannister (Hugh Jackman). In einem dystopischen Miami, das von Nachkriegserscheinungen, Hitzewellen und Überschwemmungen geplagt ist, verspricht die moderne Technologie der Reminiszenz die Möglichkeit, auf die Erinnerungen eines Kunden zuzugreifen und diesen auf eine lebensechte Traumreise durch die schönsten Momente seines Daseins zu schicken, um diese erneut zu erleben. In einer aussichtslosen Gemeinschaft, in der die Bevölkerung ihr antriebsloses Quantum an Lebensstandard bewältigt, hat sich die Gesellschaft vom Blick nach vorne abgewandt. Die Gegenwart hat keine rosige Zukunft mehr zu bieten, also schauen die Leute lieber zurück. Nachdem Nick nach einem gewöhnlichen Arbeitstag die Pforten schließen will, tritt eine mysteriöse Fremde namens Mae (Rebecca Ferguson) durch den Mondschein in sein bescheidenes Etablissement. Die beiden kommen sich näher, verlieben sich und werden unter geheimnisvollen Umständen voneinander gerissen, als Mae urplötzlich verschwindet. Für Nick beginnt eine Reise durch die Erinnerungen, um die Frau seiner Träume wiederzufinden – der letzten Verheißung auf eine glückselige Zukunft.

Völlig losgelöst von dem, was nach dieser kurzen Synopsis folgt: Wie genial klingt diese Inhaltsbeschreibung auf einer Skala von 1 bis 10? Nachdem unzählige Kinofilme wie Dune, Keine Zeit zu sterben oder sogar Top Gun 2: Maverick über eine Zeitspanne von mehreren Monaten ununterbrochen promoviert worden sind, erwartet die Zuschauerschaft auf einmal eine Prämisse mit einem Projekt, welches vollkommen aus dem Nirwana gekommen ist. In ihrem Spielfilmdebüt präsentiert Lisa Joy eine Welt, die an ihrem eigenen Potenzial beinahe schon in den ersten Trailern ertrinkt. Ein Regiedebüt im Rahmen eines High Profile-Konzeptes – eine mutige Koppelung von sich mit Leichtigkeit konkurrierenden Spektren. Bereits in der allerersten Rundfahrt der Kamera, die eine halbatlantische Großstadt strukturiert, eine gottlose Zivilisation reformiert und die kritische Situation personifiziert, schleicht sich die Hoffnung in den Kreislauf: Das hier könnte ein riesiges Ding werden.

Wenn Hugh Jackmans Protagonist durch die wässrigen Gossen stapft und seine raue Stimme über die Ironie und Doppelmoral des Erinnerns philosophiert, befindet sich Reminiscence in seinem Element. Zum Nachdenken anregende Thesen kurbeln eine Idee an, die bald zu einem Ergebnis gedeihen soll. Doch schafft es das Skript, an seine eigenen Intentionen anzuknüpfen und beweist somit, dass sich dieser ansprechende Mix aus Strange Days und Waterworld an mehr festhält, als dem wirksamen Durstlöscher des Gedächtnisses? Hier schlägt die von Bannister gezüngelte Ironie ein, denn wie seine auf der Stelle tretende Welt verfällt Reminiscence dem Drang der Rekapitulation, ferne Minuten in das Jetzt zu weben und dieses dadurch aufzuschieben, sowie den Charakteristika eines Filmes als visuelles Medium entgegenzuwirken.

Eine inklusive Denkweise ist eine löbliche Sache, doch zweckentfremdet sich jegliche Intention hinter jener, wenn im Nachhinein doch nur integrativ gearbeitet wird. Der Stoff von Reminiscence platzt vor Möglichkeiten auf der Leinwand. Als optische Ausdrucksform gibt Reminiscence ebenso viele Eindrücke und Impulse einer Konstruktion, die es wert ist bestaunt und verfolgt zu werden. Die Bilder einer verkommenen, zerfallenen Metropole am Rande des Meeresspiegels tragen eine beinahe schon aerodynamische Wucht in sich, wenn die Kamera sich über das Setting erhebt. Problematisch wird es bei Reminiscence erst, wenn man sich der Rolle dieser Welt im Verhältnis der Geschichte bewusst wird. So erstklassig jedes einzelne Bühnenbild auch gestaltet und in Szene gesetzt ist, bleibt die Location schutzlos gegenüber der eigenen Irrelevanz. Ja, Reminiscence würde auch ohne die ständigen Gefahren des Hochwassers und Klimawandels, der technischen Modernisierung und der ruchlosen Desozialisierung haargenau so verlaufen, wie er es auch mit den genannten Aspekten tut. Die Tragik dahinter ist furchtbar, die Welt verfügt ähnlich wie bei Duncan Jones’ Science-Fiction-Thriller Mute über keinerlei Reiz oder Tragweite. Eine innerfilmische Transparenz ist nicht gegeben.

Zusätzlich erschwert wird dieser Eindruck durch die Auslegung des Storytellings. Obgleich das Publikum mit diversen Bildern überhäuft wird, zeigt die Geschichte ein neurotisches Fehlverhalten in Form einer konstanten Verbalisierung. Ständig werden Gedanken und Emotionen laut ausgesprochen, Umstände werden demontiert und wörtlich erklärt, während sie zu sehen sind. Das eigentliche Resultat: Man bräuchte der Erzählweise willens zu keinem Moment auf den Bildschirm schauen. Auch hier degradiert sich die filmische Transparenz auf ein Minimum. Die Dialoge, seien sie noch so treffsicher und im Sinne der eigenen Welt vorgetragen, vermindern den Zugang zum Plot maßgeblich. Reminiscence wirkt viel mehr wie ein Dauerfeuerwerk von thematischen und ethischen Hypothesen, an denen sich das eifrige Studententum den Kopf zerbrechen soll, anstatt wirklich etwas zu lernen. Permanente Tabula Rasa. Ein Beispiel:

“Wer war sie?”, stammelt der verzweifelte Hauptcharakter stetig in seiner wahnhaften Obsession als diese eine Frage vor sich her. Dabei bleibt die Erklärung jedoch so peripher wie das Erfassen eines im toten Winkel düsenden Flugobjektes. So fragt sich auch das Publikum weiterhin: Wer war sie? Eine wahre Charakterisierung findet nicht statt. Da, wo der doch wirklich spannende Konflikt mit etwas Pfeffer beschleunigt werden könnte, entscheidet sich Reminiscence für die totale Entschleunigung des Konfliktes. Rückblenden folgen auf Rückblenden, mit dem nicht allzu seltenen Luxus eines weiteren Off-Monologes, der erklärt, was der Film mit seinen Bildern nicht zu zeigen wagt, da er es nicht mal versucht. Die Vergangenheit ruht angeblich nicht, doch in Reminiscence befindet sie sich im Stillstand.

Dies ist nochmal besonders merkwürdig, da die Narrative sich primär auf besagte Vergangenheit stützt. Die Handlung wird in Reminiscence von hinten aufgerollt, die Zukunft als Spannungsmoment unter den Teppich gekehrt. Das ist als solches keine vollkommen dysfunktionale Strategie, um das Interesse des Publikums am Geschehen weiterhin aufrechtzuerhalten, allerdings nicht optimal in der gewählten Dosierung. In mehr als nur einer Handvoll Schlüsselszenen wird der Progress pausiert und die Geschichte rezitiert sich selbst, anstelle einer lohnenswerten Auflösung und Dynamisierung des Handlungsverlaufes.

Wo inzwischen schon alles an Reminiscence wie der absolute Supergau einer versemmelten Idee in der konstanten Dekonstruktion in Filmform klingt, kann die Storyline und das World-Building nicht funktionieren. Oder doch? So surreal dies im Anhang an die bisherigen Kritikpunkte auch wirken mag, aber tatsächlich ist Reminiscence immer noch samt all seiner Schwachpunkte unglaublich empfehlenswert. Denn originell im Umgang mit seinem Konzept und der Verwendung seines Universums, kann Reminiscence sich immer noch als sehr überzeugender und angemessen komplexer Genre-Vertreter behaupten. Angefangen bei der Idee selbst, die mit einer famosen Ansammlung an Innovationen aufwartet und des Weiteren eine packende Atmosphäre aufbaut, die sich auf wundersame Weise zu keinem Zeitpunkt verdünnisiert. Denn auch wenn die Narrative und die Miteinbindung der Welt den Schein eher beschmutzen, rennt Reminiscence nicht vor seinem Potenzial davon. Wie beim bereits genannten Strange Days erfährt die Prämisse viele verschiedene Facetten, die in ihrer Großartigkeit zwar nicht von ihrem proportionalen Anteil innerhalb der Story repräsentiert werden können, allerdings durch den ambitionierten Geist der Westworld-Regisseurin ein willkommener Zusatz in dieser breit gefächerten Welt sind. Und so ist die Welt doch wieder in Kombination mit der Geschichte die größte Stärke von Reminiscence.

Die audiovisuelle Schlagkraft des Filmes erweist sich als selbstbewusst und lukrativ. Wenn der fantastische Score einsetzt und Nicolas Bannister mit erzürnter Miene in eine durchflutete Hotelsweet stolpert, grenzt Reminiscence an inszenatorische Brillanz. Auch wie sich der Film im Einklang mit der eigenen Prämisse befindet, birgt ein erfrischendes Erwachen inmitten des kreativen Schaffens eines Regietalents, von dem man sich nicht abwenden sollte. Lisa Joy behält konstant den Überblick über ihr Konzept, referenziert Ideen auf Basis anderer Ideen und verbindet einzelne Aspekte derart flüssig, dass die zwei Stunden Laufzeit ein regelrechtes Fest für Genre-Enthusiasten bescheren.

Darüber hinaus hat die Story selbst eine immense Grundspannung. Die Suche nach einer vermissten Person wird im klassischen Neo-Noir-Fieber vehement effektiv und bedächtig heruntergespielt. Dabei hält die Geschichte einige Wendungen und Verpflechtungen bereit, wodurch die Storyline in sich schlüssig, nicht zu überkonstruiert und sehr organisch erzählt wird. Alles, was in Reminiscence passiert, hat eine Bewandtnis. Auch die zentrale Beziehung innerhalb dieses Settings übt einen reichlich umgarnenden Effekt aus. Die Romanze zwischen Nick und Mae fundiert auf Nichts. Trotzdem fühlt sich die Interaktion der beiden Figuren und die Interaktion mit dem Konzept wahrlich innig und intensiv an, dass der Film seine Motivation nie verliert. Eine elevierende Melancholie des Konfliktes lässt sich von daher nicht absprechen. Dieser Konflikt und die charismatischen Figuren werden von einem überragenden Darstellerensemble porträtiert, bei dem gerade Hugh Jackman und Rebecca Ferguson in ihren Hauptrollen den Film problemlos tragen.

Dass die Audiovisualität und der Rohschnitt der Story die inhaltlichen Schwächen kompensieren können, spricht für und gegen Reminiscence. Trotz der granitartigen Stolpersteine, die sich in ihrer Formulierung gegen das Medium selbst stellen, bleibt er locker einer der interessantesten Filme des Jahres. Nostalgie und ihre Vergänglichkeit, vermittelt über eine atemberaubende Bildgewalt, hochkarätige Schauspielleistungen und exquisite Eindrücke eines nachhallenden Genre-Mixes. Hätte Lisa Joy sich zuerst an kleineren Projekten erprobt und wäre dann mit etwas mehr Erfahrung an dieses Konzept heran getreten, wäre Reminiscence potentiell zum modernen Meisterwerk gereift. Als das, was er letztendlich geworden ist, hat er immer noch vielerlei Qualitäten vorzuweisen, die von der Quantität an Misskalkulationen im Drehbuch stark zurückgehalten werden. Taten sagen auch in der Filmwelt einfach mehr als Worte.

REMINISCENCE LÄUFT SEIT DEM 26. AUGUST 2021 IN DEN DEUTSCHEN KINOS

6.0
Punkte